Ein Blick in die versunkene Welt des Verzascatals

Das Verzascatal mit seinem berühmten Staudamm und der alten Brücke «Ponte dei Salti» in Lavertezzo ist nicht nur im Sommer mit seinem smaragdgrünen Wasser ein Traumziel – auch im Winter lohnt sich ein Besuch.

Eine geheimnisvolle Brücke, alte Mauern und Relikte einer verschwundenen Strasse: All das liegt sonst verborgen unter der Oberfläche des Verzascatal Stausees. Als der Lago di Vogorno Anfang 2022 für Sanierungsarbeiten abgelassen wurde, kam eine versunkene Welt zum Vorschein – darunter Strukturen des Ortsteils Pioda, die jahrzehntelang unter Wasser lagen. Kein Atlantis, aber erstaunlich gut erhalten und voller Atmosphäre.

Doch auch mit Wasser in der Talsperre lohnt sich ein Besuch. Die imposante Verzascatal Staumauer, durch den James-Bond-Film „GoldenEye“ weltberühmt geworden, markiert das Tor zu einem eindrucksvollen Tal im Tessin. Das Wandern im Verzascatal im Winter ist eine eigene Erfahrung, denn die Sonne erreicht den Talboden spät und verschwindet früh hinter den Gipfeln der Berge, was besondere Lichtstimmungen schafft.

Ich lade dich ein, mit uns einen Blick in die versunkene Welt des Stausees zu werfen, über den Verzascatal Staudamm zu flanieren und Todesmutigen bei einem Bungee-Sprung zuzuschauen und die Stimmung auf einer Wanderung im Winter zu erleben. Wir sind immer mal wieder im Verzascatal unterwegs, gern auch im Winter, wenn noch nicht so viele Besucher unterwegs sind, auch wenn dann manche Grottos noch geschlossen haben.

Der abgelassene Stausee gibt den Blick auf einen tiefen Canyon frei, den die Verzasca auf ihrem Weg zum Lago Maggiore gegraben hat. Man sieht noch stellenweise den Verlauf der alten Kantonsstrasse durch das Verzascatal.
Wer hätte gedacht, dass die Verzasca eine solche Canyonlandschaft geschaffen hat.

Verzascatal Staudamm – Ein gigantisches Bauwerk mit Filmgeschichte

Der Verzascatal Staudamm, der den Fluss Verzasca zum Lago di Vogorno aufstaut, gehört mit seinen 220 Metern Höhe und 380 Metern Länge zu den eindrucksvollsten Staumauern der Schweiz. Besonders imposant wirkt er, wenn man von Tenero her darauf zufährt: Wie eine gewaltige Festung riegelt er scheinbar den Taleingang ab. Hinter der Staumauer sieht man das Dorf Mergoscia am Hang.

Ein Teil der Stauermauer und einer Art Tower, von dem aus Stromleitungen wegführen ist zu sehen. Dahinter sieht man das Dorf Mergoscia auf der linken Seite und Berge auf der rechten. Die Staumauer bildet den Eingang ins Verzascatal.
Folgt man den Kehren der Strasse zum 25 km langen Verzascatal, so wirkt die Staumauer wie eine mächtige Befestigungsanlage.

Weltweite Berühmtheit erlangte der Verzascatal Staudamm durch de James-Bond-Films GoldenEye. Darin springt 007 – gespielt von Pierce Brosnan – vom Staudamm, um sich Zugang zu einem streng bewachten Labor zu verschaffen. Seitdem zieht die Staumauer Abenteurer aus aller Welt an. Von Ostern bis Oktober kann man von der höchsten stationären Bungee-Jumping-Anlage der Welt in die Tiefe springen.

7,5 Sekunden dauert der freie Fall, bevor das Seil das Ende erreicht. Wir selbst überlassen den Sprung lieber den Mutigen, aber ein Spaziergang über die Krone des Verzascatal Staudamms gehört für uns jedes Mal dazu.

Das Werbeschild für den Sprung verweist auf weitere Filme wie Fire, Ice & Dynamit, The Amazing Race ..., die hier gedreht wurden.
So sieht die Werbung für den Sprung in die Tiefe im Sommer aus.
Ein mutiger Mensch befindet sich noch im freien Fall mit all den Sicherungsseilen am Verzasca Staudamm.
Die Vorstellung an diesem Seil am Ende des Sprungs hoch und runter zu schwingen bis man wieder hochgezogen wird, ist für uns entsetzlich.

Was wir trotz mehrerer Besuche im Verzascatal immer noch nicht geschafft haben, ist eine Wanderung auf der anderen Seite des Verzascatal Staudamms in Richtung Mergoscia und Corippo ebenso wie der Besuch des kleinen Staudamm Museums.

Ein seltener Anblick: Der Verzascatal Staudamm ohne Wasser

Als im Winter 2021/22 das Wasser im Lago di Vogorno kontrolliert abgelassen wurde, offenbarte sich ein seltener Anblick. Statt in die spiegelnde Wasseroberfläche blickt man von der Krone des Verzascatal Staudamms auf hellen gefurchten Fels und eine grüne Wasserpfütze. Ähnlichkeiten mit einer Badewanne drängen sich auf. Am auffälligsten von oben ist die Brücke der alten Kantonsstrasse, die durch das Verszascatal führte.

Von der Krone des Verzasca Staudamms wirkt der Blick in den wasserlosen Lago di Vogorno wie der Blick in eine leere Badewanne. Nur sind die Seiten etwas schräger. Die helle Farbe des Gesteins bildet eine Zäsur in der restlichen Landschaft. Oberhalb des "Wannenrands" sind Mergoscia, laubloser Wald und markante Felsen zu sehen. - Verzascatal
Der Blick von oben gibt jedoch nur einen ersten Eindruck.
Der Lago di Vogorno mit Wasser vom Verzasca Staudamm im Sommer mit grün bewaldeten Hängen gesehen.
Welch Unterschiede von Sommer zu Winter, Wasser und ohne Wasser

Doch viele Details, die diesen Moment so besonders machten, blieben von hier oben unsichtbar. Erst als wir hinabstiegen, offenbarte sich die ganze Dimension der versunkenen Welt: alte Strassenverläufe, Mauerreste, tote Bäume – Spuren, die man sonst nur in historischen Aufnahmen sieht.

Perspektivwechsel – von der Krone des Verzasca Staudamms auf den Grund des Sees

Der Abstieg in die leere Talsperre war steil und rutschig. Unten, auf dem Niveau der alten Kantonsstrasse, wurde der Matsch zur grössten Herausforderung – teilweise fühlte es sich an, als liefen wir über Schmierseife. Doch die Mühe lohnte sich. Wann hat man schon Gelegenheit, durch eine Landschaft zu gehen, die wirkt wie aus einem postapokalyptischen Film?

Selbst unten auf dem Grund des leeren Lago di Vogorno bleibt der Blick unwillkürlich an ihr hängen: der Verzascatal Staumauer, die sich wie eine Wand aus Beton in den Himmel schiebt. Von hier unten wirkt sie noch massiver, fast bedrohlich. Erst in Relation zu einem winzigen Menschen, der sich zur Mauer hinbewegt, begreift man wirklich, welche Dimensionen dieses Bauwerk hat.

Die Perspektive täuscht und lässt die 220 m hohen Staudamm der Verzasca ohne Grössenvergleich gar nicht so hoch erscheinen. Auf dem Bild ist aber ein winziges Menschlein versteckt. Erst in Bezug auf ihn kann man die Höhe erkennen.
Wenn du den kleinen Menschen auf dem Bild findest, bekommst du ein Gefühl für die Höhe der Staumauer.

Wir folgen dem Verlauf der alten Kantonsstrasse in Richtung Vogorno und überqueren dabei die Ponte dei Salti – nicht zu verwechseln mit ihrer berühmten Schwester in Lavertezzo. Diese Brücke, sonst vom Wasser verschluckt, steht da, als wäre nie etwas gewesen. Nur der angeschwemmte Matsch und das durch sie hindurchfliessende Rinnsal erinnern daran, dass sie jahrzehntelang unter der Wasseroberfläche lag.

Stein auf Stein steht diese alte Brücke in unmittelbarer Nähe des Verzasca Staudamms noch und überspannten den Einschnitt eines Flusses, der momentan ein Bach ist. Über die Strassenbefestigung vor der Brücke ergiesst sich jedoch Wasser.
Die Brücke sieht aus, als wäre gestern erst ein Auto darüber gefahren.

Fasziniert entdecken wir zahlreiche Bäume, die noch aufrecht stehen – als würden sie nur darauf warten, dass der Frühling kommt. In ihren freigelegten Wurzeln und Stämmen haben sich bizarre Strukturen gebildet – Gesichter, Tiere, Formen, wie sie nur Zeit, Wasser und Wind erschaffen können.

Zwei Drittel des Bildes bestehen aus dem Canyon des sonst überfluteten Verzascatals und Geröll. Die tiefe Schluchten, die rechts und links in den Canyon münden, sieht man nicht, aber mit den abgestorbenen Bäumen kommt es Ödland schon sehr nahe, wenn man das Dorf, welches sich eine Bergflanke im Hintergrund hochzieht, ausser Betracht lässt.
Hier münden von rechts und links zwei Schluchten in den Canyon, da hat man einen schönen Spielplatz für schnelle Drohnen.
In diesem Baumstumpf kann man den Kopf eines Elefanten mit Auge und Rüssel erkennen. Ohne Borke hat sich eine Art Elefantenhaut auf dem Stumpf gebildet.
Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist ein Elefant.

Weiter entlang des Weges tauchen Stützmauern, alte Brücken und schliesslich steile Weinterrassen auf. Hier wuchs einst die Sorte UVA Americana – eine frühreife, ertragreiche Rebsorte, die als resistent gegen die Reblaus galt und früher häufig im Tessin angebaut wurde.

Die alten Weinterrassen sind noch gut zu erkennen, - Verzascatal
Die Steilheit der Weinterrassen verrät wie schwer die Arbeit war.
Das Dorf Mergoscia wächst den Berg empor. Unterhalb gibt es die abrupte Grenze dort, wo sonst das Wasser steht. Nach einem steilen Stück sieht man wieder die gemauerten Terrassen nach unten. Verzascatal.
Auch hier sieht man wieder die Terrassenanlagen unterhalb des Dorfes.

Wir sind nicht allein in dieser unwirklichen Welt. Geocacher mit GPS-Geräten durchstreifen das Terrain auf der Suche nach zwei versteckten Schätzen. Drohnenflieger mit VR-Brillen liefern sich Rennen durch das trockene Becken, als wären wir mitten in einem dystopischen Computerspiel.

Schliesslich wird der Weg abrupt unterbrochen: Ein Felssturz hat die alte Kantonsstrasse verschüttet. Hier endet unsere Wanderung durch Stausee des Verzascatals – und mit ihr ein aussergewöhnlicher Einblick in eine Welt, die wieder auf Jahrzehnte verborgen bleibt.

Sehr schön sieht man die gemauerte Strassenbefestigung der alten Kantonsstrasse durch das Verzascatal und einen Felssturz, der sie verschüttet hat.
Felssturz, der die Strasse verschüttet hat.

Dem Fluss folgend – weiter talaufwärts durchs Verzascatal

Nach dem Blick in die versunkene Welt am Staudamm folgen wir der Verzasca weiter flussaufwärts. Die Verzasca fliesst oberhalb wieder wie gewohnt – grün schimmernd und ruhig.

Die alte Brücke im Verzascatal

Die Ponte dei Salti in Lavertezzo ist das wohl bekannteste Fotomotiv im Verzascatal. Und da wir in Brione, ungefähr in der Mitte des Verzascatals übernachten, fahren wir am nächsten Morgen schon vor dem Frühstück zur alten Brücke für Fotoaufnamen. Wir sind fast allein – nur zwei Taucher ziehen ruhig ihre Bahnen im klaren Wasser. Die Sonne braucht im zeitigen Frühjahr aber lange, bis sie den Talboden erreicht. Deshalb fahren wir zurück und frühstücken zuerst, bevor wir einen zweiten Anlauf unternehmen.

9.00 Uhr und die Sonne hat den Talboden immer noch nicht erreicht. Die Taucher sind verschwunden. Die Wasseramsel findet die Ruhe angenehm und kommt mehrmals zum Frühstücken an die Verzasca.

Ein kreatives Bild mit Felsen und Wasseramsel und dem unglaublichen Grün der Verzasca. Verzascatal
Das Warten auf die Sonne lässt Zeit für unübliche Bilder der Verzasca.
Perfekt getarnt sitzt die Wasseramsel in der Mitte auf dem Stein.
Dies ist der Lieblingsstein der Wasseramsel, von dem sie sich ins Wasser begibt. Die Tarnung ist perfekt.

Inzwischen haben wir uns für eine Fotoposition entschieden. Der Moment als die Sonne dann endlich den Talboden erreicht und sich die Brücke im Wasser spiegelt, ist magisch, hält aber nicht lange an, denn schon kommen weitere Besucher.

Die aus der Römerzeit stammende Ponte dei Salti mit Spiegelung im glasklaren Wasser der Versazca bei niedrigem Wasserstand. - Verzascatal
Endlich hat das Licht den Talboden erreicht und die Verzasca hat ihren grünen Farbschimmer wieder.

Die steinerne Doppelbogenbrücke stammt aus der Römerzeit und spannt sich elegant über das smaragdgrüne Wasser. Nur bei Sonnenschein schimmert das Wasser der Verzasca so türkisgrün.

Die Verzasca auf der anderen Seite der Brücke. Grün schimmert das Wasser, während in den Felsen noch Eisflächen liegen.
So schön grün schimmert die Verzasca nur bei Sonnenschein.

Lavertezzo selbst ist einen kurzen Spaziergang wert, strahlt aber in der untergehenden Sonne schöner als jetzt in der Morgensonne.

Wandern im Verzascatal – unterwegs Richtung Brione

Am späten Nachmittag fahren wir nach dem Check-in im Hotel noch ein wenig talaufwärts. Eigentlich wollten wir den Legendenweg bei Gerra laufen, doch diese Talseite liegt schon früh im Schatten. Also überqueren wir die Verzasca auf einer Hängebrücke und wandern auf der sonnigen Seite des Tals vorbei an der Cascada Val di Mätt in Richtung Brione.

In einem Taleinschnitt auf der anderen Seite der Verzasca fällt ein Wasserfall herunter. Allerdings muss man jetzt genau hinsehen, wenn man das Wasser überhaupt erkennen will. Wandern im Verzascatal
Vom Parkplatz auf der anderen Seite kann man den Wasserfall kaum erkennen.

Der schmale, steinige Pfad verläuft durch einen Haselnusswald – für Allergiker vielleicht nicht die beste Wahl, aber landschaftlich reizvoll. Die Sonne verschwindet schnell hinter dem Bergkamm, das Licht flackert durch die kahlen Äste, und der Fluss rauscht leise im Talgrund.

Der steinige Weg führt durch einen Haselnuss-Wald, der schnell im Schatten versinkt. - Wandern im Verzascatal
Der Weg ist nichts für Allergiker mit all den Haselnuss-Büschen.

Die Dunkelheit schreitet schnell voran und erschwert durch die dramatischen Lichtunterschiede das fotografieren. Aber diese Lichtstimmung im zeitigen Frühjahr macht das Wandern im Verzascatal besonders eindrücklich.

blank

Als der Fluss wenig später trocken vor uns liegt, warten wir nicht mehr darauf, dass die nächste Brücke kommt, sondern kürzen ab und queren das Flussbett. Anschliessend wandern wir auf der anderen Seite des Verzascatals zurück zu unserem Auto.

Typische Rusticos, wie die Tessiner Steinhäuser auch genannt werden, stehen an der Strasse im Schatten, während die Bergspitzen im golden Licht der untergehenden Sonne erstrahlen. Beim Wandern im Verzascatal triffst du immer wieder auf solche Häuser.
Auf dem Rückweg begegnet uns ein Mix aus ganz alten und ganz modernen Häusern. In anderen Tälern und Ortschaften versucht man den Charakter der Orte zu erhalten.

Tipps und Erfahrungen aus dem Verzascatal ausserhalb der Saison

In Erinnerung an das gute Essen im Grotto von Sonogno fahren wir nach unserer Wanderung noch weiter talaufwärts – bis ans Ende des Verzascatals. Doch im Winter wirkt Sonogno ohne Blumen, bei einbrechender Dunkelheit und geschlossenen Türen eher verlassen. Das Grotto hat noch geschlossen. Es öffnet erst ab dem 1. Mai. Also kehren wir um.

Auf dem Rückweg durch das zunehmend dunkle Tal entdecken wir in Gerra das Ristorante Froda – von aussen unscheinbar, auf der Karte nur Pizzen. Hungrig wie wir sind, wagen wir es und werden belohnt: Im Inneren gibt es währschafte Tessiner Küche. Sowohl die Tagliatelle mit Wildschwein als auch der Schmorbraten mit Polenta sind köstlich. Ein Restaurant, das wir klar empfehlen können.

So gesättigt fahren wir das kurze Stück zu unserem schön restaurierten Hotel Ai Piee in Brione zurück, wo wir den Tag ausklingen lassen. Der Staudamm im Verzascatal ohne Wasser war wirklich eindrücklich.

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Weitere spannende Täler im Tessin sind das Bavonatal Lavizzaratal, welches vom Maggiatal abzweigt. Dort empfehle ich dir den modernen Kirche in Mogno.

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2 Comments

    1. Hallo Matthias,

      von Norddeutschland ins Tessin sind es zwar ein paar Kilometer, aber wer sagt, dass man dazu auf den Sommer warten muss? Das Frühjahr ist ideal. Die Kamelien blühen, es ist noch vergleichsweise leer und man bekommt einen Vorgeschmack auf die schöne Jahreszeit.
      Liebe Grüsse
      Susan

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