Fotokonzept Ma – japanische Ästhetik in der Fotografie
In dieser Fotoausstellung nehme ich dich mit in die Welt des «Dazwischen». Ma ist ein Fotokonzept aus der japanischen Ästhetik. Es hat viel mit Sehen lernen in der Fotografie zu tun und berührt auch das Thema des negativen Raums. Das Dazwischen baut Spannung auf und lässt Raum für Fantasie.
Sicher ist dir Ma während deiner Fotografie schon begegnet, ohne dass du es bennen konntest. Das Fotokonzept Ma ist kein Motiv und keine Technik. Ma verändert das Sehen.
Ma ist eines dieser japanischen Wörter, die sich nicht sauber übersetzen lassen, weil sie keine Sache, sondern eine Beziehung bezeichnen. Wörtlich besteht das Schriftzeichen aus den Zeichen für „Tor“ und „Sonne“ – also: das Licht, das zwischen den Torflügeln hindurchscheint.
Ma ist das Dazwischen, das durchlässig ist. Im Beitrag erkläre ich dir zuerst, was Ma bedeutet, damit du dich mit dem Fotokonzept vertraut machen kannst. Danach zeige ich dir meine Bilder, die im Rahmen meiner Annäherung an das Fotokonzept Ma entstanden sind. Zum Schluss gebe ich dir noch einige Tipps, wie du Ma sehen lernen kannst.
Bereits in der Fotoausstellung «Schönheit in der Vergänglichkeit» bei der ich der Schönheit, die den Dingen durch ihre Veränglichkeit innewohnt, nachgegangen bin, enthalten viele Bilder auch Ma, denn sie zeigen oft auch auf ganz unterschiedliche Weise das Dazwischen.
Ma – ein zentrales Konzept der japanischen Ästhetik
Was bedeutet Ma?
Ma ist nicht Leere, sondern Potential. Es ist kein Nichts im westlichen Sinn, sondern der Raum, in dem etwas geschehen kann. Es ist das Atemholen zwischen zwei Tönen, die Stille zwischen zwei Worten, die Pause, die Bedeutung erst ermöglicht.
Ma ist das Verbindende, nicht das Trennende, denn in der japanischen Ästhetik trennt ein Zwischenraum nicht, sondern hält Dinge zusammen. Zwischen zwei Holzlatten ist Luft und nur dadurch wirkt der Zaun.
Zwischen zwei Gesten entsteht Rhythmus. Zwischen zwei Menschen entsteht Beziehung.
Ma ist Zeit und Raum zugleich. Es zeigt sich als Abstand und Öffnung im Raum und als Pause und Rhythmus in der Zeit.
In der westlichen Perspektive haben wir kein Wort für dieses Dazwischen, in dem Bedeutung entsteht. Wir sprechen von Leerräumen, negativem Raum, einem Loch, jedoch meist in negativer Bedeutung, als würde etwas fehlen, Aber ein Loch erkennt man auch nur, weil es einen Rand hat. Im Konzept der japanischen Ästhetik fehlt nichts. Etwas wird möglich. Es braucht das weiss des Papiers, damit die schwarze Tinte lesbar wird.
Eine perfekte Illustration des Konzepts des Ma liefert der Kleine Prinz, denn auch im westlichen Denken gibt es intuitive Entsprechungen. Der kleine Prinz bittet den Erzähler, ihm ein Schaf zu zeichnen. Nach mehreren misslungenen Versuchen zeichnet dieser stattdessen eine einfache Kiste mit Luftlöchern und sagt: «Das Schaf, das du willst, ist da drin.» Und der kleine Prinz antwortet glücklich: «Genau so wollte ich es!«
Diese Szene lehrt uns etwas ganz Grundsätzliches über Wahrnehmung:
- Wenn man Raum lässt, kann der andere sehen, was er sehen möchte.
- Wenn man alles zeigen will, bleibt kein Raum für Imagination.
Ma im Kontext japanischer Ästhetik
Im Kontext der japanischen Ästhetik spielt Licht eine zentrale Rolle. Licht ist nicht das, was einen Raum ausleuchtet, sondern das, was ihn formt. Es schafft Tiefe, Übergänge und Zonen des Dazwischen. Leere ist dabei kein Mangel, sondern eine Einladung.
Durch Ma kann nicht nur Raum sichtbar werden, sondern auch Zeit. Pausen, Übergänge und Wiederholungen geben einem Moment Gewicht. Ma ist auch eine Haltung, die Abwesenheit von Präsenz.
Mein Haus ist nicht der Boden, nicht die Wand, nicht das Dach. Mein Haus ist die Leere zwischen den Dingen; dort lebe ich“. Lao Tze
Das Konzept des Ma ist eng mit der Zen-Philosophie verbunden und mit einem Verständnis von Wahrnehmung, die nicht fixiert, sondern offen bleibt. In der Meditation über Zwischenräume und Pausen wird das Dazwischen erfahrbar.
Ma in der Fotografie – warum das Dazwischen sichtbar wird
Fotografie bündelt Momente, die sonst verfliegen, und ermöglicht es, den Ausschnitt auf die Welt durch die Linse anders wahrzunehmen. Sie hält Übergänge fest, friert Zeit ein und macht damit das Unsichtbare sichtbar. Genau in diesen Übergängen kann Ma entstehen. Deshalb eignet sich die Fotografie besonders gut, um Ma sichtbar zu machen.
Auch wenn ich nachfolgend von fotografischen Ma-Typen spreche, sind diese keine Definitionen. Diese Konstrukte sollen lediglich helfen, unterschiedliche Formen von Ma wahrzunehmen. Ma entsteht nur im Zusammenspiel von Bild, Zeit und Betrachter. Dabei kann es mehrere Formen gleichzeitig annehmen.
Die Unsicherheit bei der Frage, ob ein Bild Ma enthält oder nicht, entsteht daraus, dass Ma viele Facetten hat. Ma-Bilder erzählen Geschichten, die im Kopf entstehen. Aber nicht jede Geschichte, die sich im Kopf bildet, enthält Ma. Genau darin liegt die Schwierigkeit. Die folgenden Bilder sind bewusst von einfachen zu komplexeren Formen des Ma angeordnet.
Die fotografischen Ma-Typen
Ma als Abwesenheit
Das Dazwischen dessen, was nicht mehr da ist
Ma zeigt sich oft dort am deutlichsten, wo etwas fehlt. Nicht als Leere im westlichen Sinn, sondern als Raum, der Bedeutung trägt. Abwesenheit wird spürbar, weil sie Spuren hinterlässt.
In diesen Bildern ist kein Ereignis mehr sichtbar. Was bleibt, sind Übergänge. Eis, das sich am Fenster gebildet hat. Spuren im Schnee, die von Bewegung erzählen, ohne sie zu zeigen. Das Eigentliche ist bereits vergangen, doch der Raum ist nicht leer. Er ist aufgeladen mit dem, was war.
Ma entsteht hier nicht durch Handlung, sondern durch Zurücknahme. Das Eigentliche ist nicht mehr sichtbar. Ein Fenster wird nur noch durch die Spuren der Kälte erkennbar, Bewegung nur durch Abdrücke im Schnee. In beiden Fällen zeigt sich das Dazwischen nicht als Objekt, sondern als Hinweis. Etwas war da. Etwas hat sich entzogen. Genau in diesem Spannungsfeld wird Ma erfahrbar.

Grenze zwischen innen und aussen. Kälte wird sichtbar.

Was war, ist gegangen. Zurück bleibt der Raum dazwischen.
Ma im Übergang der Zeit
Das Dazwischen, bevor sich etwas verändert
Ma zeigt sich hier im Übergang. Ein Zustand hält noch, während sich der nächste bereits ankündigt.
Der Schnee am Weidezaun liegt nicht mehr ruhig. Er hängt, löst sich bereits, steht kurz davor abzubrechen. Die Zeit ist verdichtet. Ebenso die Rose mit Raureif. Sie trägt noch Leben in sich, ist aber bereits vom Winter berührt. Zwei Zustände existieren gleichzeitig, ohne sich aufzulösen.
Ma entsteht in diesen Bildern nicht durch Bewegung, sondern durch Erwartung. Es ist der Augenblick, bevor sich etwas entscheidet. Fotografie kann diesen Übergang sichtbar machen, weil sie Zeit anhält, ohne sie zu erklären.


Ma zwischen Ordnung und Auflösung
Wenn Wahrnehmung sich täuschen lässt
Ma zeigt sich hier als Beziehung, die sich nicht eindeutig festlegen lässt. Grenzen beginnen zu verschwimmen, ohne zu verschwinden. Wahrnehmung öffnet sich, weil sie nicht mehr entscheidet, was oben oder unten, innen oder aussen ist.
In der Spiegelfläche von Bordeaux verschmelzen Wasser, Fluss und Himmel. Der Raum verliert seine Richtung. Die Spiegelung erzeugt keine Unordnung, sondern Weite. Das Bild wirkt grenzenlos, weil es keinen Anfang und kein Ende mehr kennt.
Auch im Zusammenspiel von Spiegel und Fenster entsteht Ma durch Verbindung. Innenraum, Glas und Aussenwelt greifen ineinander. Das Fenster wird durch den Spiegel sichtbar, der Spiegel durch das Licht von draussen. Das Dazwischen ist kein Ort, sondern ein Zustand, in dem mehrere Ebenen gleichzeitig präsent sind.


Ma im Zwischenraum
Raum, der Bedeutung trägt
Der Raum ist das Umgebende, in dem etwas geschieht. Er trägt das, was sichtbar wird, und ebenso das, was sich entzieht. Im Tunnel markiert das Licht die Grenze zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Der Zwischenraum dazwischen hält Spannung, ohne sie aufzulösen.
In der Architektur entsteht dieser Zwischenraum durch Träger, Linien und Durchblicke. Sie schaffen Räume, in denen sich Ebenen verbinden und zugleich voneinander abgrenzen. Innen und aussen, davor und dahinter bleiben in Beziehung, ohne eindeutig zu werden. Genau hier wird Ma erfahrbar.


Ma als Beziehung zwischen Akteuren
Wenn Abwesenheit Beziehung stiftet
Reiher und Fischer. Zwei Pole, ein gemeinsamer Raum. Der Kescher zwischen ihnen deutet an, worauf beide warten. Der Raum ist voller angespannter Bedeutung. Der Fisch ist noch nicht da. Und genau mit dieser Abwesenheit beginnt das Bild zu erzählen.
Zwischen Reiher und Fischer entsteht eine Beziehung aus gespanntem Warten, Konkurrenz und Skepsis. Der Fisch bestimmt das Bild, obwohl er nicht sichtbar ist. Er ist das Zentrum der Beziehung. Nichts geschieht. Und doch könnte alles geschehen.
Das Ma liegt hier im Dazwischen der Beziehung. In der geteilten Aufmerksamkeit. In der Offenheit des Moments.
Dieses Bild ist für mich ein Höhepunkt und mein Lieblingsbild des Jahres 2025. Es erinnert daran, dass Fotografie manchmal genau dann entsteht, wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Ma als mehrdimensionales Dazwischen
Wenn mehrere Ebenen gleichzeitig sichtbar werden
Dieses Bild wirkt auf den ersten Blick ruhig und geordnet. Klare Linien, moderne und alte Architektur bilden den spannungsgeladenen Raum, in dem etwas passiert.
Die Strassenbahn ist da, aber löst sich auf. Zeitliches und räumliches Ma überlagern sich. Im Auflösungsprozess spiegelt sich der Raum in der modernen Fassade. Nichts ist abgeschlossen.
Auch die Jahreszeit ist Teil dieses Dazwischen. Lichterketten und Bäume mit Resten von Herbstlaub verweisen auf Übergang. Zeit und Raum, Stillstand und Bewegung, Altes und Neues existieren gleichzeitig. Das Ma entsteht aus diesem Zusammenspiel.

Wann ist etwas kein Ma?
Ma zeigt sich nicht in dekorativen Effekten. Eine schöne Struktur, eine interessante Farbe oder eine abstrakte Form allein genügen nicht, wenn keine Beziehung entsteht. Wo das Bild sich im Effekt erschöpft, bleibt kein Dazwischen.
Auch reine Abstraktion ist nicht automatisch Ma. Wenn Formen, Linien oder Farben keinen Bezug mehr zueinander herstellen, sondern nur für sich stehen, fehlt das Spannungsfeld. Ma lebt nicht von Auflösung allein, sondern von dem, was sich dabei aufeinander bezieht.
Ebenso entsteht Ma nicht nur im Kopf des Betrachters. Ein Bild kann Assoziationen auslösen, Geschichten anstossen oder Bedeutungen tragen, die persönlich sind. Ma jedoch liegt im Bild selbst. In der Beziehung zwischen Elementen, nicht allein in der Interpretation.
Und schliesslich verliert Ma sich dort, wo Bilder überladen sind. Wo alles gezeigt wird, bleibt kein Atemraum. Ohne Offenheit, ohne Zwischenraum, kann sich keine Spannung halten.
Diese Unterscheidungen sind kein Urteil über Qualität. Sie helfen, den Blick zu schärfen. Denn Ma zu sehen heisst auch, wahrzunehmen, wann ein Bild bei sich bleibt und kein Dazwischen öffnet.
Ma sehen lernen: Eine Einladung zum bewussten Fotografieren
Fragen an den eigenen Blick
Wenn du Ma sehen lernen willst, konzentriere dich am Anfang nicht auf das Motiv, sondern auf das Verhältnis.
- Was verbindet die Dinge?
- Wo entsteht Spannung?
- Was passiert zwischen zwei Zuständen?
- Öffnet es einen Raum für Wahrnehmung?
- Was sehe ich nicht, aber spüre ich?
- Gibt es ein noch oder nicht mehr?
Wenn du denkst: „gleich ist es vorbei“ oder „gleich geschieht etwas“ – bist du im Ma.
Wo du Ma suchen kannst
- Spuren und Abwesenheit
- Übergänge der Zeit/Jahreszeit
- Räume und Durchgänge
- Auflösung und Mehrdeutigkeit
- Stille und Reduktion
- Beziehung ohne Handlung
- Im Licht als Träger von Zwischenräumen
Komposition – das Sichtbarmachen des Unsichtbaren
Komposition entscheidet darüber, ob Ma im Bild Raum bekommt oder erstickt wird. Negativer Raum, bewusste Rahmung, Überbelichtung oder Langzeitbelichtung können helfen, das Dazwischen sichtbar zu machen, ohne es festzulegen.
Auch Mehrfachbelichtungen eignen sich, um Übergänge, Überlagerungen und zeitliche Verschiebungen zu zeigen. Nicht als Effekt, sondern als Mittel, um Beziehungen zwischen Momenten sichtbar zu machen.
Wichtig ist dabei nicht die Technik, sondern die Haltung: nicht alles zeigen, nicht alles erklären, Raum lassen.
Ist es Ma?
Zum Schluss zeige ich dir eine kleine Auswahl an Bildern. Du entscheidest, ob sie Ma enthalten oder nicht.





Das Dazwischen endet hier nicht. In anderen fotografischen Arbeiten auf dem Blog, etwa in einer früheren Fotoausstellung zur Vergänglichkeit, taucht Ma auf ganz unterschiedliche Weise wieder auf.
