Sète und das wilde Hinterland des Hérault
Sète ist weit mehr als nur eine Hafenstadt zwischen Mittelmeer und der Lagune Étang de Thau. Wer am Canal Royal steht und beobachtet, wie die grossen Fischereischiffe mitten durch die Altstadt einlaufen, spürt sofort das maritime Herz der Region. Doch das wahre Abenteuer beginnt nur eine kurze Fahrt entfernt im wilden Hinterland des Hérault.
Im Umkreis von einer Stunde Fahrt zeigt die Region eine erstaunliche Vielfalt: Von den Austernfarmen am Étang de Thau, zu den mittelalterlichen Gassen von Saint-Guilhem-le-Désert und der Pont du Diable über dem Hérault. Wir waren verloren im Felsenlabyrinth des Cirque de Mourèze und haben besondere Tiere am Lac du Salagou entdeckt. In der Altstadt von Pézenas, wo einst Molière entdeckt wurde, haben wir nach Treppenhäusern in Stadtpalästen gesucht und von den Engländern übernomme Spezialiäten gefunden.
Lass dich inspirieren und mache dir dein eigenes Bild.

Sète als Ausgangspunkt für Ausflüge im Hérault
Sète eignet sich ideal als Basis, um die Region zu erkunden. Viele der markanten Ziele im Hinterland sind bequem im Rahmen eines Tagesausflugs erreichbar. Gleichzeitig bietet die Hafenstadt genügend Atmosphäre, um am Abend entlang des Canal Royal zum Hafen zu schlendern und in einem der vielen Restaurants zu essen. Wer mehrere Ausflüge plant, ist daher gut beraten, ein paar Tage in Sète zu bleiben.
Vielleicht hast du sogar Glück und deine Reise fällt auf die Fête de la Saint-Louis Ende August. Dann verwandelt sich der Canal Royal in eine Bühne für die historischen Wasserturniere der «Joutes nautiques», die bis spät in den Abend hinein stattfinden. Doch dazu später mehr.
Wenn du Sète als Ausgangspunkt für deine Ausflüge in die Hérault-Schlucht, zum Étang de Thau oder zum Cirque de Mourèze wählst, bist du auf ein Auto angewiesen. Deshalb lohnt es sich bei der Wahl der Unterkunft darauf zu achten, dass ein Parkplatz dazugehört. Im Labyrinth der engen Einbahnstrassen von Sète möchtest du nicht lange nach einem freien Platz suchen. Und die Art des seitlichen Einparkens der Franzosen ist auch nicht unbedingt etwas für schwache Nerven.
In Sète selbst brauchst du dagegen kein Fahrzeug. Bäcker, Supermarkt und Restaurants liegen meist in Gehdistanz entlang der Kanäle. Wir haben in einer praktischen Ferienwohnung* mit etwas gewöhnungsbedürftiger Einfahrt in die Tiefgarage übernachtet und waren einmal mehr froh darüber, dass unser altes Auto nicht so breit ist. Gerade bei Tiefgaragen lohnt es sich in Frankreich, bei grösseren Fahrzeugen vorher beim Vermieter nachzufragen, ob es auch wirklich passt.
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Sète – Hafenstadt zwischen Mittelmeer und Lagune
Die Stadt der Kanäle, auch das Venedig des Languedoc genannt, entstand beim Bau des Canal du Midi. Die Rede ist von Sète, das 1666 offiziell gegründet wurde, weil der Canal du Midi einen maritimen Zugang zum Mittelmeer benötigte. Pierre-Paul Riquet, der Architekt des Kanals, entwarf nicht nur den Hafen von Sète, sondern auch das Stadtbild. Der Canal Royal stellt nach dem Étang de Thau die Verlängerung des Canal du Midi dar.
Sète wurde nach der Eröffnung des Canal du Midi, der bei Toulouse auf den Canal de Garonne trifft und damit die Verbindung zum Atlantik vollendet, zu einem wichtigen Handelszentrum und Fischereihafen für Südfrankreich. Mit dem Bau der Eisenbahn verloren die zahlreichen Wasserwege jedoch an Bedeutung. Die Kanäle haben bis heute eine wichtige Funktion als Abflusssystem, da Sète am Fuss des Mont Saint Clair liegt.
Den vielen Segelschiffen im Hafen von Sète nach zu urteilen, spielt auch der maritime Tourismus eine Rolle. Vom Fährhafen in Séte fahren regelmässig Fähren zu unterschiedlichen Städten in Marokko.

Der Canal Royal und die Kanäle von Sète
Der Canal Royal ist so etwas wie die Hauptstrasse von Sète. Er ist tief und breit genug, dass grosse Schiffe bis weit ins Stadtzentrum vordringen können. Hochseetrawler liegen hier mitten in der Stadt, entladen ihren Fang oder reparieren ihre Schiffe. Der Canal Royal weitet sich an mehreren Stellen und verzweigt sich in weitere Kanäle.
Mehrmals am Tag öffnen sich die Brücken entlang des Canal Royal, damit grössere Schiffe passieren können. Die Öffnungszeiten sind an den Brücken angeschrieben.

Die einfachste Möglichkeit, die Kanäle von Sète kennenzulernen, ist ein Morgenspaziergang. Wenn das Licht eine Seite des Kanals flutet, während die andere noch im Schatten liegt und die Stadt langsam erwacht, entfaltet sich ein besonderer Zauber.


Bei schönem Wetter lohnt sich auch ein Abendspaziergang zum Leuchtturm. Zwischen den vielen Masten der Segelschiffe ist er fast nicht zu erkennen.

Eine weitere Möglichkeit, die Kanäle von Sète zu entdecken, ist eine Rundfahrt mit den flachen Ausflugsbooten, die unter den Brücken hindurchpassen. Es werden verschiedene Touren angeboten, einige führen auch ein Stück hinaus aufs offene Meer. Da das Wetter bei unserer Fahrt nicht ganz so schön war und der Wind deutlich aufgefrischt hatte, waren wir froh, dass wir den schützenden Hafen nur kurz verlassen haben.

Die Joutes nautiques
Das erste Turnier der Joutes nautiques fand am 29. Juli 1666 statt. Es bildete den Höhepunkt der Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung des Hafens von Sète, Port Louis. Die Zeremonie markierte den offiziellen Baubeginn der Môle Saint-Louis, dem grossen Wellenbrecher, der den Hafen schützen soll. Um die Bevölkerung und die geladenen Gäste zu beeindrucken, organisierte man das Fischerstechen, heute oft auch Wasserstechen genannt, direkt im Hafenbecken.
Dabei rudern zwei Boote, traditionell in Rot und Blau, mit Kraft aufeinander zu. Die Ruderer geben alles, um die nötige Stabilität und Geschwindigkeit für den Aufprall zu erzeugen. Auf einem leiterartigen Gestell hinten am Boot, der sogenannten Tintaine, warten die Anwärter darauf, an der Reihe zu sein. Der Stecher steht auf einem schmalen Brett ganz oben, bewaffnet mit einer langen Lanze und einem Schild. Wenn die Boote aneinander vorbeigleiten, kommt es zum entscheidenden Moment. Ziel ist es, den Gegner durch die Wucht des Stosses von der Plattform ins Kanalwasser zu befördern. Begleitet wird das Spektakel von Musik.

Die Fête de la Saint-Louis, wie man das Ereignis heute nennt, entwickelte sich erst später.
Hast du dich mal gefragt, warum der Hafen von Sète Port Louis heisst und der Stadtheilige Saint-Louis ist? Nun, es war Ludwig XIV., der den Bau des Canal du Midi vorantrieb. Zu Ehren des Sonnenkönigs erhielt der Hafen den Namen Port Louis. Da Ludwig XIV. sich jedoch gerne in die Tradition seiner heiligen Vorfahren stellte, wurde der Hafen gleichzeitig unter den Schutz des heiligen Ludwig gestellt. Ludwig IX. war der einzige heiliggesprochene König Frankreichs.
Durch die Altstadt zum Musée Paul Valéry
Ein guter Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch Sète ist die Markthalle. Besonders am Vormittag herrscht hier lebhaftes Markttreiben. Mittags sind die Tische auf den Aussenterrassen rund um die Halle fast alle besetzt. Austern, Pasteten und Gebäck werden direkt bei einem Glas Wein oder einem Kaffee verspeist.

Weiter geht es vorbei am schattigen Place du Pouffre, in dessen Mitte ein Brunnen mit einem grossen Oktopus steht. Von hier an führt der Weg steil bergauf durch ein Gewirr enger Strassen. Vorbei an der Kirche Saint-Louis, die dem Schutzpatron der Stadt geweiht ist, geht es durch die alten Viertel der Fischer und Hafenarbeiter. Einige Streetart-Arbeiten erregen unsere Aufmerksamkeit.


Erreicht man den Chemin de Saint-Clair, öffnen sich herrlich freie Blicke auf den Hafen von Sète und das Mittelmeer. Im kleinen Jardin du Sémaphore stehen einige auffällige Kunstobjekte. Nach einem kurzen Abstieg erreicht man schliesslich das Musée Paul Valéry. Das Museum und der direkt darunter liegende Cimetière Marin bilden das kulturelle und spirituelle Zentrum von Sète.

Das Museum ist dem berühmten Dichter und Philosophen Paul Valéry gewidmet, der in Sète geboren wurde. Neben seinen Werken zeigt es Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus Südfrankreich. Das Gebäude ist angenehm klimatisiert, was bei spätsommerlichen Temperaturen eine willkommene Abkühlung ist.
Paul Valéry ist auf dem Cimetière Marin, dem Friedhof, den er mit seinem gleichnamigen Gedicht berühmt gemacht hat, beerdigt.
Mont Saint Clair und der Blick über Sète
Abends, wenn die Temperaturen angenehmer werden, lohnt sich ein Abstecher auf den Mont Saint Clair. Da er sich 175 m über die Stadt erhebt und unsere Füsse am Ende eines Tages voller Eindrücke etwas Ruhe brauchen, fahren wir nach oben. Es war eine gute Entscheidung, den steilen Aufstieg nicht noch einmal in Angriff zu nehmen. Auf einem grossen Parkplatz finden wir problemlos einen Platz für unser Auto.

Eine ganze Zeit beobachten wir den Hafen von Sète von oben. Anschliessend wechseln wir auf die andere Seite des Hügels. Die Kirche Notre-Dame-de-la-Salette schliesst gerade ihre Türen, doch der Küster lässt uns noch einen kurzen Blick ins Innere auf die Fresken werfen. Sie zeigen Szenen aus der Geschichte von Sète und aus dem Leben der Fischer. Teilweise werden sie gerade aufgefrischt.
Den Sonnenuntergang über dem Étang de Thau kann man von hier oben allerdings nicht sehen. Deshalb fahren wir noch schnell zum Parc des Pierres Blanches.
Direkt am Eingang des Parks, in der Nähe der Parkplätze, liegt das Restaurant La Mesa – Les Pierres Blanches. Beim nächsten Besuch in Sète würden wir hier zu Abend essen und uns anschliessend gemütlich einen schönen Platz für den Sonnenuntergang suchen. Jetzt eilen wir durch das Naturschutzgebiet mit seinen vielen Spazierwegen und Pinienwäldern, um noch einen Blick auf die untergehende Sonne zu erhaschen. Den perfekten Platz finden wir nicht, doch den schön verfärbten Himmel über den Austernbänken des Étang de Thau geniessen wir trotzdem.


Étang de Thau – Austern und Flamingos
Der Étang de Thau ist ein flaches, intensiv bewirtschaftetes Binnenmeer und eine grosse Wasserkreuzung. Der Canal du Midi mündet in ihn und stellt die Verbindung zwischen Toulouse über den Canal Royal mit dem Mittelmeer in Sète und dem Canal de Garonne mit dem Atlantik her. Der Canal du Rhône à Sète stellt die Verbindung Richtung Camargue und Provence her.
Obwohl der Étang de Thau durch eine schmale Landzunge vom Mittelmeer getrennt ist, erhält er über mehrere Kanäle ständig frisches Meereswasser. Gleichzeitig speist ihn die gewaltige unterirdische Süsswasserquelle Vise bei Balaruc-les-Bains. Dieses nährstoffreiche Brackwasser ist die perfekte Basis für die Austernzucht. Da es im Mittelmeer kaum Gezeiten gibt, hängen die Austern ununterbrochen im Wasser und wachsen so bis zu doppelt so schnell wie am Atlantik.

Solche vom Wasser geprägten Landschaften haben ihren ganz eigenen Charakter. Im Golf von Morbihan zeigt sich das noch einmal anders, aber nicht weniger eindrücklich.
Austernzucht
Zwischen Bouzigues und Marseillan reiht sich ein Austernzuchtbetrieb an den anderen. Wer der D613 zwischen Bouzigues und Mèze folgt, findet Abfahrten zur Zone Conchylicole. Einige Austernfarmen verkaufen ab Hof Austern. Die Firma Sanchez bietet zusätzlich interessante Führungen auch in Englisch durch den modernen Zuchtbetrieb an. Für alle, die mögen, gibt es am Ende der Führung drei Austern aus unterschiedlichen Gebieten zu verkosten.

Die kleinen Austern kommen aus der Bretagne und werden zunächst in engmaschigen Netzen im Étang de Thau aufgezogen. Nach vier bis sechs Monaten sind sie so gross, dass man sie an Seilen zementieren kann. Diese hängen an grossen Eisenkonstruktionen (Tables) bis zu 1,5 Jahren im Wasser. Anschliessend werden sie gesäubert und in grossen Sortieranlagen nach Grösse sortiert. Bevor es in den Verkauf geht, kommen die Austern noch in Becken mit gereinigtem Wasser, um sich vom Stress zu erholen.



Die teuersten Austern werden manuell trainiert. Man ahmt Ebbe und Flut nach, indem man sie die Hälfte des Tages aus dem Wasser holt. Dadurch werden die Schliessmuskeln der Auster stärker.
Trotz moderner Technik ist die Natur gnadenlos: Ein beachtlicher Teil der Austern schafft es nicht bis in den Verkauf. In Holzkisten verpackt, treten die Austern ihre Reise um die Welt bis nach China an. Zwischen Weihnachten und Neujahr findet das Hauptgeschäft statt. Aber auch zum Valentinstag oder Ostern werden Austern verstärkt nachgefragt.

Flamingos
Wer Flamingos beobachten will, fährt am besten von Sète auf der Avenue des Étangs, einer Strasse zwischen den Wassern vieler kleiner, flacher Brackwasserbecken entlang. Wir haben die Flamingos vor allem am späteren Vormittag und abends beim Schlafen gesehen. Allerdings kommen sie hier nicht in «rosa Wolken» wie in der Carmargue, sondern eher in kleinen Gruppen vor. Wobei das von der Jahreszeit abhängt. In den Wintermonaten kommen mehr Flamingos von den Brutgebieten hier zum Fressen her.

Erstaunt sind wir über die Geschwindigkeit, mit der Flamingos fliegen. Wir liefern uns hier so eine kleine Wettfahrt mit einem fliegenden Flamingo. Bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h hatten wir Schwierigkeiten dranzubleiben. Normalerweise fliegen Flamingos eher nachts. Mit Rückenwind schaffen sie bis zu 600 km in einer Nacht.
Besonders farbenreich ist das Gebiet rund um den Ancien Canal de Pierres. Nach der Brücke gibt es eine Abfahrt zu Parkplätzen. Das Gebiet zwischen Brücke und Meer ist auf Wegen und Stegen einfach zu erkunden.

Saint-Guilhem-le-Désert und Pont du Diable
Verlässt man das Mittelmeer, Sète und den Étang de Thau und fährt ins Hinterland, verändert sich die Landschaft mit jedem Kilometer. Die Blau- und Türkistöne weichen dem hellen Grau des Kalksteins. Wir dringen in das Herz des Departements Hérault vor, wo sich der gleichnamige Fluss über Jahrmillionen tief in das massive Karstgebirge gegraben hat.
Doch bevor wir die engen Gassen von Saint-Guilhem-le-Désert besuchen, wartet ein monumentales Nadelöhr auf uns, das seit über tausend Jahren Pilger und Reisende gleichermassen in Staunen versetzt, die legendäre Teufelsbrücke.
Pont du Diable
An der Teufelsbrücke gibt es einen riesigen Besucherparkplatz. Das Besucherzentrum Maison du Grand Site öffnet erst 10.30 Uhr. Wenn du die Brücke aus dem Jahre 1030 allein sehen möchtest, lohnt es sich deutlich früher da zu sein und anschliessend weiter nach Saint-Guilhem-le-Désert zu fahren. Dort gibt es nur einen deutlich kleineren Parkplatz, weshalb in der Hauptsaison und an den Wochenenden ein Shuttlebus zwischen der Pont du Diable und dem etwa 3 km entfernten Dorf fährt.

Flüsse wie der Hérault waren früher reissende Hindernisse. Die Pont du Diable war eine der ersten stabilen Steinbrücken der Region. Die Pilger waren auf diese Stelle angewiesen, weil es flussabwärts kaum sichere Überquerungen gab.
Die Mönche der Abteien von Aniane und Saint-Guilhem verzweifelten am Bau der Brücke, da der Teufel nachts alles einriss. Der heilige Guilhem persönlich handelte den Pakt mit dem Teufel aus: Der Teufel baut die Brücke in drei Tagen, dafür gehört ihm die erste Seele, die sie überquert. Guilhem schickte einen Hund, dem er einen Topf an den Schwanz gebunden hatte, klappernd über die Brücke.
Als der Teufel bemerkte, dass er betrogen worden war, tobte er. Da die Brücke aber mit Weihwasser gesegnet war, konnte er sie nicht mehr zerstören. Vor Wut stürzte er sich in den Fluss Hérault und riss ein tiefes Loch hinein.

Tipp: Hast du mehr Zeit und bist später unterwegs, kannst du über den Besuch der Grotte de Clamouse oder eine Abkühlung im Wasser des Hérault am Plage du Pont du Diable nachdenken.

Saint-Guilhem-le-Désert
Saint-Guilhem-le-Désert gehört zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“, den «Les plus Beaux Villages de France«. Früher zog das Kloster Pilger an, weil es eine Reliquie des Wahren Kreuzes besass. Heute sind es vor allem Touristen, die durch die engen Gassen des mittelalterlichen Ortes streifen.


Das Kloster wurde im Jahr 804 von Guilhem gegründet. Er war der Cousin von Karl dem Großen und ein guter Militärstratege. Nach seinen Siegen gegen die Mauren zog er sich in die Einsamkeit zurück und wurde Mönch. Dennoch ist der Standort des Klosters so gewählt, dass in der engen Hérault Schlucht ein weiteres Vordringen der Mauren einfach abgewehrt werden konnte.
Bereits bevor wir Saint-Guilhem-le-Désert erreichen, wundern wir uns über umgefallene Bäume, eingeschlagene Scheiben. Auf dem Parkplatz vor dem Ortseingang liegen Zweige wie gesät. Auf dem Place de la Liberté sind die Menschen bereits bei den Aufräumarbeiten. Sie erzählen uns, dass ein Tornado durch das Dorf gefegt ist. Die grosse Platane aus dem Jahre 1855 hat nur ein paar Äste verloren und steht noch. Jedoch nicht alle Bäume hatten das Glück. Es ist eigenartig, denn in manchen der engen Gassen sieht es aus, als wäre nichts gewesen und in anderen liegen zerbrochene Blumentöpfe und umgefallene Bäume. Herbststürme sind hier zwar bekannt, aber ein Tornado muss auch für die Menschen neu gewesen sein.


Wir bummeln durch die engen Gassen, die an sonnigen Tagen sicher viel Schatten geben. Neben kleinen Restaurants entdecken wir eine Bierbrauerei und da wir morgens das Bier noch nicht kosten möchten, nehmen wir zwei Flaschen mit. (Unser Geschmack war es nicht ganz). In einem Spezialitätenladen mit Käse, Wurst, Baguette und Honig, wo es auch die traditionellen Ziegenkäse Pélardon gibt, kaufen wir uns ein Picknick zusammen, das wir später auf dem Hochplateau der Garrigue einnehmen.
Das Kloster, die Abbaye de Gellone, die von der Strasse so mächtig aussieht, ist dunkel im Inneren. Das Licht fällt durch drei kleine Fenster und erhellt den Altar. Da grosse Teile des Kreuzganges nach der Französischen Revolution verkauft wurden und heute in New York zu bestaunen sind, wirkt alles ein wenig nackt.



Vom Kreuzgang des Klosters sieht man einen Berg, mit der Ermitage de Notre-Dame de Belle-Grâce, einer Einsiedelei mit Kapelle. Der Weg nach oben war bei unserem Besuch gesperrt.
Menhir du Lacan
Da die Strasse, die hinter Saint-Guilhem-le-Désert weiter bergauf führt, eine Privatstrasse ist, fahren wir über Montpeyroux zum Menhir du Lacan. Der Name des Ortes bedeutet steiniger Berg. Vom Parkplatz unten werfen wir einen Blick auf die Reste der Festung, die oberhalb des Dorfes liegt. Allerdings entscheiden wir uns aus Zeitgründen gegen einen Aufstieg, auch wenn ein interessanter botanischer Weg nach oben ausgeschildert ist.

Montpeyroux war einst Kreuzungspunkt. Pilger kamen auf dem Weg nach Santiago de Compostela hier vorbei, Reisende und Händler kreuzten den Ort.
An den Ausläufern des Zentralmassivs geht es nach oben zu einem grossen Kalksteinplateau, das zum Süd-Larzac gehört. Hier findet man eine mediterrane Gebirgslandschaft, durchzogen von Weinbergen, Pinienwäldern, dichtem Buschwerk aus Kermeseichen, Zistrosen, Rosmarin und Thymian und trockenen Rasenflächen, unterbrochen von lichten Eichen- und Steineichenwäldern. Hinter jeder Kurve ändert sich der Ausblick. Jetzt Ende August leuchten die Perückensträucher schon orange.

Auf dem Plateau geben Schilder Auskunft, dass Menschen hier seit mindestens 5.000 Jahren ihre Spuren hinterlassen haben. Von Menhiren und Dolmen über Bronzezeitliche Siedlungen bis in die Neuzeit, wo in den 1880er Jahren hier oben eine Schule betrieben wurde, was man sich in dieser landschaftlich reizvollen, aber heute sehr einsamen Gegend nicht vorstellen kann.
Solche Spuren begegnen einem auch an anderen Orten in Frankreich, etwa in Carnac in der Bretagne.
Der Menhir du Lacan ist unter zwei Namen in der Gegend bekannt. Bei den Einheimischen wird er auch Menhir de Meule genannt, weil er aus der Ferne wie ein grosser Heuhaufen aussieht. Aus der Nähe sieht man, dass der fast 4 m hohe Menhir restauriert wurde.

Cirque de Mourèze
Szenenwechsel: Nur etwa 30 Kilometer vom Kalksteinplateau des Menhirs entfernt, befinden wir uns plötzlich umgeben von grauem bis gelblichem Dolomit. Das erklärt auch, warum uns im Cirque de Mourèze verwitterte, bizarr geformte und bis zu 30 Meter hohe Felssäulen begegnen. Es ist eine vollkommen andere Landschaft, ein wenig wie ein Labyrinth, durch das sich verschlungene Wege ziehen. Dolomit ist ein Kalkstein, der durch magnesiumhaltiges Wasser spröder wurde und so leichter erodiert.

Während oben im Hérault-Gebirge ein kühler Wind wehte, fühlen wir uns hier wie im Backofen. Die Wege sind kaum ausgeschildert; man muss neugierig sein und den Trampelpfaden folgen. Manchmal landet man in einer Sackgasse, und manchmal führt einen plötzlich eine Leiter auf eine Spitze, von der man die ganze Aussicht geniessen kann. Diese Gegend ist faszinierend, aber man sollte sie eher am kühlen Morgen erkunden.

Wenn du auf die Karte schaust, wirst du noch den Cirque de Navacelles entdecken. Dieses UNESCO-Weltkulturerbe, welches ein Fluss geschaffen hat, hätte uns noch sehr interessiert, hat aber auf dieser Reise keinen Platz mehr gefunden. Da der Cirque de Mourèze sich gut mit unserem nächsten Ziel, dem Lac du Salagou verbinden liess, hat er gewonnen.

Lac du Salagou
Die Strecke vom Cirque de Mourèze zum Lac du Salagou ist eindrücklich. Gepflegte, alte Dörfer und Kalksteinnadeln direkt neben der Strasse wechseln sich ab, bis sie weiten Feldern weichen. Jetzt ist die Erde tiefrot vom Eisengehalt der „Ruffes“. Das ist ein 250 Millionen Jahre altes Sedimentgestein, das man in Hügelform am Ufer des Stausees bewundern kann. Die Farbkontraste aus gelben Gräsern, roter Erde, dem grünen Schilfgürtel und dem blauen Himmel sind faszinierend.

Der Lac du Salagou dient als Wasserreservoir für die Landwirtschaft und für Löschflugzeuge, wird ansonsten aber für die Freizeit genutzt. Entspannen konnten wir hier allerdings nicht, und das hatte einen Grund: Louisiana-Flusskrebse.

Als uns der erste noch lebende Krebs vor die Füsse lief, waren wir fasziniert und haben ihn sehr lange beobachtet. An einer anderen Stelle am See wurde es aber gruselig. Aus jeder Pfütze, die das Unwetter von Saint-Guilhem hinterlassen hatte, krabbelten Flusskrebse. Auf dem Weg zum See musste man aufpassen, nicht auf sie zu treten. Die Krebse sind recht aggresiv und gehen gleich in Verteidigungsstellung. Dass es eine invasive Art ist, die es von der Küche in den Lac du Salagou geschafft hat, glauben wir sofort.


Da es inzwischen schon recht spät ist, machen wir uns auf den Rückweg nach Sète. Damit verpassen wir zwar das ehemalige Geisterdorf Celles, das beim Bau des Sees geräumt wurde, aber heute wohl langsam wieder besiedelt wird.

Als wir am Étang de Thau vorbeifahren, geht die Sonne unter. Jetzt stehen viel mehr Flamingos in den flachen Becken im Wasser und schlafen schon.

Pézenas – heimliche Hauptstadt des Languedoc
An Pézenas streiten sich die Geister. Uns lässt es schon bei der Suche nach einem Parkplatz fast verzweifeln. Hier trafen sich mehrmals im Jahr die mächtigsten Adligen und Bischöfe der Region, um über Steuern und politische Fragen zu entscheiden. Deshalb ist Pézenas berühmt für seine Stadtpaläste. Man wollte ja schliesslich standesgemäss während der Sitzungsperioden wohnen.

Allerdings erweist es sich als schwieriger als gedacht, die prunkvollen Treppenhäuser zu besichtigen, denn obwohl wir eine Liste dieser besuchbaren Stadtpaläste recherchiert hatten, stehen wir vor vielen Häusern vor verschlossenen Türen. So spazieren wir einfach nur noch durch die Altstadt und bestaunen die Auslagen der Geschäfte. In Pézenas muss man wirklich sein Portemonnaie festhalten, denn hier findet man schöne Handwerkskunst. Bei der Keramik werden wir dann schwach.


Dass Molière in Pézenas vom Prinzen von Conti protegiert wurde, ist bekannt. Deshalb finden im Ort auch Molière Theaterfestspiele statt. Warum wir hier jedoch einen «Wegweiser» zum Mond mit Entfernungsangabe finden, müssen wir erst später recherchieren. Es ist wohl eine Hommage an den in Pézenas geborenen Sänger Bobby Lapointe. Er war ein Meister des absurden Humors und ein Mathematiker.
Bevor wir Pézenas wieder verlassen, probieren wir noch die berühmten Pasteten – «Le Petit Pâté de Pézenas«. Zu verdanken sind sie dem indischen Koch von Lord Clive, dem Generalgouverneur von Bengalen, der den Ort besuchte. Die kleinen Türmchen sind mit Lammfleisch in einer süsslichen Brühe gefüllt. Heute gibt es viele Abwandlungen davon.

Damit fahren wir ein letztes Mal nach Sète zurück, bevor wir unser nächstes Lager noch einmal am Mittelmeer in Gruissan aufschlagen.
