Sète und das wilde Hinterland des Hérault

Sète ist weit mehr als nur eine Hafenstadt zwischen Mittelmeer und der Lagune Étang de Thau. Wer am Canal Royal steht und beobachtet, wie die grossen Fischereischiffe mitten durch die Altstadt einlaufen, spürt sofort das maritime Herz der Region. Doch das wahre Abenteuer beginnt nur eine kurze Fahrt entfernt im wilden Hinterland des Hérault.

Im Umkreis von einer Stunde Fahrt zeigt die Region eine erstaunliche Vielfalt: Von den Austernfarmen am Étang de Thau, zu den mittelalterlichen Gassen von Saint-Guilhem-le-Désert und der Pont du Diable über dem Hérault. Wir waren verloren im Felsenlabyrinth des Cirque de Mourèze und haben besondere Tiere am Lac du Salagou entdeckt. In der Altstadt von Pézenas, wo einst Molière entdeckt wurde, haben wir nach Treppenhäusern in Stadtpalästen gesucht und von den Engländern übernomme Spezialiäten gefunden.

Lass dich inspirieren und mache dir dein eigenes Bild.

Hochseefischerboote liegen mitten in der Altstadt von Sète im Canal Royal. Ein gelbes Tretboot in Form eines Käfers zeigt den Grössenunterschied deutlich.
Der Canal Royal in Sète

Sète als Ausgangspunkt für Ausflüge im Hérault

Sète eignet sich ideal als Basis, um die Region zu erkunden. Viele der markanten Ziele im Hinterland sind bequem im Rahmen eines Tagesausflugs erreichbar. Gleichzeitig bietet die Hafenstadt genügend Atmosphäre, um am Abend entlang des Canal Royal zum Hafen zu schlendern und in einem der vielen Restaurants zu essen. Wer mehrere Ausflüge plant, ist daher gut beraten, ein paar Tage in Sète zu bleiben.

Vielleicht hast du sogar Glück und deine Reise fällt auf die Fête de la Saint-Louis Ende August. Dann verwandelt sich der Canal Royal in eine Bühne für die historischen Wasserturniere der «Joutes nautiques», die bis spät in den Abend hinein stattfinden. Doch dazu später mehr.

Wenn du Sète als Ausgangspunkt für deine Ausflüge in die Hérault-Schlucht, zum Étang de Thau oder zum Cirque de Mourèze wählst, bist du auf ein Auto angewiesen. Deshalb lohnt es sich bei der Wahl der Unterkunft darauf zu achten, dass ein Parkplatz dazugehört. Im Labyrinth der engen Einbahnstrassen von Sète möchtest du nicht lange nach einem freien Platz suchen. Und die Art des seitlichen Einparkens der Franzosen ist auch nicht unbedingt etwas für schwache Nerven.

In Sète selbst brauchst du dagegen kein Fahrzeug. Bäcker, Supermarkt und Restaurants liegen meist in Gehdistanz entlang der Kanäle. Wir haben in einer praktischen Ferienwohnung* mit etwas gewöhnungsbedürftiger Einfahrt in die Tiefgarage übernachtet und waren einmal mehr froh darüber, dass unser altes Auto nicht so breit ist. Gerade bei Tiefgaragen lohnt es sich in Frankreich, bei grösseren Fahrzeugen vorher beim Vermieter nachzufragen, ob es auch wirklich passt.

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Blick in den Canal Royal in Sète von der Pont de la Civette. Die Besucherterrassen und Restaurants rechts und links neben dem Kanal sind voller Menschen, die die Joutes nautiques beobachten.
Wenn die Joutes nautiques in Sète stattfinden, wird die Stadt voll.

Sète – Hafenstadt zwischen Mittelmeer und Lagune

Die Stadt der Kanäle, auch das Venedig des Languedoc genannt, entstand beim Bau des Canal du Midi. Die Rede ist von Sète, das 1666 offiziell gegründet wurde, weil der Canal du Midi einen maritimen Zugang zum Mittelmeer benötigte. Pierre-Paul Riquet, der Architekt des Kanals, entwarf nicht nur den Hafen von Sète, sondern auch das Stadtbild. Der Canal Royal stellt nach dem Étang de Thau die Verlängerung des Canal du Midi dar.

Sète wurde nach der Eröffnung des Canal du Midi, der bei Toulouse auf den Canal de Garonne trifft und damit die Verbindung zum Atlantik vollendet, zu einem wichtigen Handelszentrum und Fischereihafen für Südfrankreich. Mit dem Bau der Eisenbahn verloren die zahlreichen Wasserwege jedoch an Bedeutung. Die Kanäle haben bis heute eine wichtige Funktion als Abflusssystem, da Sète am Fuss des Mont Saint Clair liegt.

Den vielen Segelschiffen im Hafen von Sète nach zu urteilen, spielt auch der maritime Tourismus eine Rolle. Vom Fährhafen in Séte fahren regelmässig Fähren zu unterschiedlichen Städten in Marokko.

Der Hafen von Séte von den Seiten des Mont Saint Clair gesehen. Vor dem Leuchtturm liegen dicht an dicht die Segelboote. Eine Fähre fährt gerade aus dem geschützten Hafen.
Die Hafenanlage von Sète

Der Canal Royal und die Kanäle von Sète

Der Canal Royal ist so etwas wie die Hauptstrasse von Sète. Er ist tief und breit genug, dass grosse Schiffe bis weit ins Stadtzentrum vordringen können. Hochseetrawler liegen hier mitten in der Stadt, entladen ihren Fang oder reparieren ihre Schiffe. Der Canal Royal weitet sich an mehreren Stellen und verzweigt sich in weitere Kanäle.

Mehrmals am Tag öffnen sich die Brücken entlang des Canal Royal, damit grössere Schiffe passieren können. Die Öffnungszeiten sind an den Brücken angeschrieben.

Stählerne Klappbrücke Pont du Tivoli über einen Seitenarm des Canal Royal in Sète, mit Booten im Vordergrund
Die Brücke klappt zu festen Zeiten nach oben, damit Schiffe durchfahren können.

Die einfachste Möglichkeit, die Kanäle von Sète kennenzulernen, ist ein Morgenspaziergang. Wenn das Licht eine Seite des Kanals flutet, während die andere noch im Schatten liegt und die Stadt langsam erwacht, entfaltet sich ein besonderer Zauber.

Morgenstimmung am Canal Royal in Sète: Die Häuser auf der Sonnenseite spiegeln sich im ruhigen Wasser, während auf der anderen Seite die Sportboote noch im Schatten liegen.
Morgenstimmung am Canal Royal
Blick von einem Seitenarm des Canal Royal in Sète auf den Mont Saint Clair.
Blick auf den Mont Saint Clair

Bei schönem Wetter lohnt sich auch ein Abendspaziergang zum Leuchtturm. Zwischen den vielen Masten der Segelschiffe ist er fast nicht zu erkennen.

Abendstimmung in Sète am Hafen. Vor lauter Masten der Segelschiffe sieht man fast den Leuchtturm nicht.
Abendstimmung am Hafen von Sète

Eine weitere Möglichkeit, die Kanäle von Sète zu entdecken, ist eine Rundfahrt mit den flachen Ausflugsbooten, die unter den Brücken hindurchpassen. Es werden verschiedene Touren angeboten, einige führen auch ein Stück hinaus aufs offene Meer. Da das Wetter bei unserer Fahrt nicht ganz so schön war und der Wind deutlich aufgefrischt hatte, waren wir froh, dass wir den schützenden Hafen nur kurz verlassen haben.

Blick vom Meer auf Sète und den Mont Saint Clair. Ausserhalb des geschützten Hafens ist stärkerer Seegang. Wolken ziehen dynamisch über den Himmel.
Blick auf Sète und den Mont Saint Clair vom Meer bei einer Bootsrundfahrt

Die Joutes nautiques

Das erste Turnier der Joutes nautiques fand am 29. Juli 1666 statt. Es bildete den Höhepunkt der Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung des Hafens von Sète, Port Louis. Die Zeremonie markierte den offiziellen Baubeginn der Môle Saint-Louis, dem grossen Wellenbrecher, der den Hafen schützen soll. Um die Bevölkerung und die geladenen Gäste zu beeindrucken, organisierte man das Fischerstechen, heute oft auch Wasserstechen genannt, direkt im Hafenbecken.

Dabei rudern zwei Boote, traditionell in Rot und Blau, mit Kraft aufeinander zu. Die Ruderer geben alles, um die nötige Stabilität und Geschwindigkeit für den Aufprall zu erzeugen. Auf einem leiterartigen Gestell hinten am Boot, der sogenannten Tintaine, warten die Anwärter darauf, an der Reihe zu sein. Der Stecher steht auf einem schmalen Brett ganz oben, bewaffnet mit einer langen Lanze und einem Schild. Wenn die Boote aneinander vorbeigleiten, kommt es zum entscheidenden Moment. Ziel ist es, den Gegner durch die Wucht des Stosses von der Plattform ins Kanalwasser zu befördern. Begleitet wird das Spektakel von Musik.

Joutes nautiques in Sète - im Bild sieht man den entscheidenden Kampf der Wasserstecher mit ihren Lanzen, während die Boote aneinander vorbeigleiten.
Die Wasserstecher in Aktion

Die Fête de la Saint-Louis, wie man das Ereignis heute nennt, entwickelte sich erst später.

Hast du dich mal gefragt, warum der Hafen von Sète Port Louis heisst und der Stadtheilige Saint-Louis ist? Nun, es war Ludwig XIV., der den Bau des Canal du Midi vorantrieb. Zu Ehren des Sonnenkönigs erhielt der Hafen den Namen Port Louis. Da Ludwig XIV. sich jedoch gerne in die Tradition seiner heiligen Vorfahren stellte, wurde der Hafen gleichzeitig unter den Schutz des heiligen Ludwig gestellt. Ludwig IX. war der einzige heiliggesprochene König Frankreichs.

Durch die Altstadt zum Musée Paul Valéry

Ein guter Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch Sète ist die Markthalle. Besonders am Vormittag herrscht hier lebhaftes Markttreiben. Mittags sind die Tische auf den Aussenterrassen rund um die Halle fast alle besetzt. Austern, Pasteten und Gebäck werden direkt bei einem Glas Wein oder einem Kaffee verspeist.

Moderne Markthalle in Sète mit geschwungenem Metallgewebe über der Fassade und Restaurantterrassen davor
Markthalle

Weiter geht es vorbei am schattigen Place du Pouffre, in dessen Mitte ein Brunnen mit einem grossen Oktopus steht. Von hier an führt der Weg steil bergauf durch ein Gewirr enger Strassen. Vorbei an der Kirche Saint-Louis, die dem Schutzpatron der Stadt geweiht ist, geht es durch die alten Viertel der Fischer und Hafenarbeiter. Einige Streetart-Arbeiten erregen unsere Aufmerksamkeit.

Erreicht man den Chemin de Saint-Clair, öffnen sich herrlich freie Blicke auf den Hafen von Sète und das Mittelmeer. Im kleinen Jardin du Sémaphore stehen einige auffällige Kunstobjekte. Nach einem kurzen Abstieg erreicht man schliesslich das Musée Paul Valéry. Das Museum und der direkt darunter liegende Cimetière Marin bilden das kulturelle und spirituelle Zentrum von Sète.

Kunst im Wasserbecken am Eingang ins Musée Paul Valéry in Séte. Bequeme Sitzmöbel laden ein, sich im Schatten des Parks auszuruhen.
Eingang ins Musée Paul Valéry

Das Museum ist dem berühmten Dichter und Philosophen Paul Valéry gewidmet, der in Sète geboren wurde. Neben seinen Werken zeigt es Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen aus Südfrankreich. Das Gebäude ist angenehm klimatisiert, was bei spätsommerlichen Temperaturen eine willkommene Abkühlung ist.

Paul Valéry ist auf dem Cimetière Marin, dem Friedhof, den er mit seinem gleichnamigen Gedicht berühmt gemacht hat, beerdigt.

Mont Saint Clair und der Blick über Sète

Abends, wenn die Temperaturen angenehmer werden, lohnt sich ein Abstecher auf den Mont Saint Clair. Da er sich 175 m über die Stadt erhebt und unsere Füsse am Ende eines Tages voller Eindrücke etwas Ruhe brauchen, fahren wir nach oben. Es war eine gute Entscheidung, den steilen Aufstieg nicht noch einmal in Angriff zu nehmen. Auf einem grossen Parkplatz finden wir problemlos einen Platz für unser Auto.

Vom Mont Saint Clair überblickt man einen grossen Teil der Altstadt von Sète mit Canal Royal und Hafenanlage.
Blick vom Mont Saint Clair auf Sète

Eine ganze Zeit beobachten wir den Hafen von Sète von oben. Anschliessend wechseln wir auf die andere Seite des Hügels. Die Kirche Notre-Dame-de-la-Salette schliesst gerade ihre Türen, doch der Küster lässt uns noch einen kurzen Blick ins Innere auf die Fresken werfen. Sie zeigen Szenen aus der Geschichte von Sète und aus dem Leben der Fischer. Teilweise werden sie gerade aufgefrischt.

Den Sonnenuntergang über dem Étang de Thau kann man von hier oben allerdings nicht sehen. Deshalb fahren wir noch schnell zum Parc des Pierres Blanches.

Direkt am Eingang des Parks, in der Nähe der Parkplätze, liegt das Restaurant La Mesa – Les Pierres Blanches. Beim nächsten Besuch in Sète würden wir hier zu Abend essen und uns anschliessend gemütlich einen schönen Platz für den Sonnenuntergang suchen. Jetzt eilen wir durch das Naturschutzgebiet mit seinen vielen Spazierwegen und Pinienwäldern, um noch einen Blick auf die untergehende Sonne zu erhaschen. Den perfekten Platz finden wir nicht, doch den schön verfärbten Himmel über den Austernbänken des Étang de Thau geniessen wir trotzdem.

Blick vom Mont Saint Clair in Sète zum Sonnenuntergang auf die schmale Landzunge, die Mittelmeer und Étang de Thau trennt.
Zwischen Mittelmeer und Étang de Thau
Sonnenuntergang über dem Étang de Thau und seinen Austernbänken vom Parc des Pierres Blanches am Mont Saint Clair in Sète.
Sonnenuntergang über den Étang de Thau

Étang de Thau – Austern und Flamingos

Der Étang de Thau ist ein flaches, intensiv bewirtschaftetes Binnenmeer und eine grosse Wasserkreuzung. Der Canal du Midi mündet in ihn und stellt die Verbindung zwischen Toulouse über den Canal Royal mit dem Mittelmeer in Sète und dem Canal de Garonne mit dem Atlantik her. Der Canal du Rhône à Sète stellt die Verbindung Richtung Camargue und Provence her.

Obwohl der Étang de Thau durch eine schmale Landzunge vom Mittelmeer getrennt ist, erhält er über mehrere Kanäle ständig frisches Meereswasser. Gleichzeitig speist ihn die gewaltige unterirdische Süsswasserquelle Vise bei Balaruc-les-Bains. Dieses nährstoffreiche Brackwasser ist die perfekte Basis für die Austernzucht. Da es im Mittelmeer kaum Gezeiten gibt, hängen die Austern ununterbrochen im Wasser und wachsen so bis zu doppelt so schnell wie am Atlantik.

Strasse am Étang de Thau mit überfliegendem Flamingo.
Fliegender Flamingo

Solche vom Wasser geprägten Landschaften haben ihren ganz eigenen Charakter. Im Golf von Morbihan zeigt sich das noch einmal anders, aber nicht weniger eindrücklich.

Austernzucht

Zwischen Bouzigues und Marseillan reiht sich ein Austernzuchtbetrieb an den anderen. Wer der D613 zwischen Bouzigues und Mèze folgt, findet Abfahrten zur Zone Conchylicole. Einige Austernfarmen verkaufen ab Hof Austern. Die Firma Sanchez bietet zusätzlich interessante Führungen auch in Englisch durch den modernen Zuchtbetrieb an. Für alle, die mögen, gibt es am Ende der Führung drei Austern aus unterschiedlichen Gebieten zu verkosten.

Verkostungsteller mit 3 Austernhälften auf blauem Teller mit Limette nach der Führung bei der Firma Sanchez am Étang de Thau.
Verkostung der Austern

Die kleinen Austern kommen aus der Bretagne und werden zunächst in engmaschigen Netzen im Étang de Thau aufgezogen. Nach vier bis sechs Monaten sind sie so gross, dass man sie an Seilen zementieren kann. Diese hängen an grossen Eisenkonstruktionen (Tables) bis zu 1,5 Jahren im Wasser. Anschliessend werden sie gesäubert und in grossen Sortieranlagen nach Grösse sortiert. Bevor es in den Verkauf geht, kommen die Austern noch in Becken mit gereinigtem Wasser, um sich vom Stress zu erholen.

Auf einer Hand liegen Austernschalen in der Grösse, wie sie an Seilen zementiert werden, bevor sie zurück in den Étang de Thau kommen.
So gross sind die Austern, wenn sie an Seilen zementiert werden.

Die teuersten Austern werden manuell trainiert. Man ahmt Ebbe und Flut nach, indem man sie die Hälfte des Tages aus dem Wasser holt. Dadurch werden die Schliessmuskeln der Auster stärker.

Trotz moderner Technik ist die Natur gnadenlos: Ein beachtlicher Teil der Austern schafft es nicht bis in den Verkauf. In Holzkisten verpackt, treten die Austern ihre Reise um die Welt bis nach China an. Zwischen Weihnachten und Neujahr findet das Hauptgeschäft statt. Aber auch zum Valentinstag oder Ostern werden Austern verstärkt nachgefragt.

Zahlreiche unterschiedlich farbige Körbe mit Austern ruhen im Anti-Stressbad, bevor es in den Verkauf geht. Firma Sanchez am Étang de Thau
Hier ruhen die geputzten Austern bis zum Verkauf

Flamingos

Wer Flamingos beobachten will, fährt am besten von Sète auf der Avenue des Étangs, einer Strasse zwischen den Wassern vieler kleiner, flacher Brackwasserbecken entlang. Wir haben die Flamingos vor allem am späteren Vormittag und abends beim Schlafen gesehen. Allerdings kommen sie hier nicht in «rosa Wolken» wie in der Carmargue, sondern eher in kleinen Gruppen vor. Wobei das von der Jahreszeit abhängt. In den Wintermonaten kommen mehr Flamingos von den Brutgebieten hier zum Fressen her.

Vier Flamingos in einem der flacheren Brackwasserbecken neben dem Étang de Thau.
Flamingos

Erstaunt sind wir über die Geschwindigkeit, mit der Flamingos fliegen. Wir liefern uns hier so eine kleine Wettfahrt mit einem fliegenden Flamingo. Bei einer Geschwindigkeit von 60 km/h hatten wir Schwierigkeiten dranzubleiben. Normalerweise fliegen Flamingos eher nachts. Mit Rückenwind schaffen sie bis zu 600 km in einer Nacht.

Besonders farbenreich ist das Gebiet rund um den Ancien Canal de Pierres. Nach der Brücke gibt es eine Abfahrt zu Parkplätzen. Das Gebiet zwischen Brücke und Meer ist auf Wegen und Stegen einfach zu erkunden.

Die Sümpfe am Ancien Canal de Pierres gleichen überfluteten Saltzwiesen. Die Farbkontraste zwischen blauem Meer, gelben Algen und dem grünen Bewuchs sind schön.
Sümpfe und Meer

Saint-Guilhem-le-Désert und Pont du Diable

Verlässt man das Mittelmeer, Sète und den Étang de Thau und fährt ins Hinterland, verändert sich die Landschaft mit jedem Kilometer. Die Blau- und Türkistöne weichen dem hellen Grau des Kalksteins. Wir dringen in das Herz des Departements Hérault vor, wo sich der gleichnamige Fluss über Jahrmillionen tief in das massive Karstgebirge gegraben hat.

Doch bevor wir die engen Gassen von Saint-Guilhem-le-Désert besuchen, wartet ein monumentales Nadelöhr auf uns, das seit über tausend Jahren Pilger und Reisende gleichermassen in Staunen versetzt, die legendäre Teufelsbrücke.

Pont du Diable

An der Teufelsbrücke gibt es einen riesigen Besucherparkplatz. Das Besucherzentrum Maison du Grand Site öffnet erst 10.30 Uhr. Wenn du die Brücke aus dem Jahre 1030 allein sehen möchtest, lohnt es sich deutlich früher da zu sein und anschliessend weiter nach Saint-Guilhem-le-Désert zu fahren. Dort gibt es nur einen deutlich kleineren Parkplatz, weshalb in der Hauptsaison und an den Wochenenden ein Shuttlebus zwischen der Pont du Diable und dem etwa 3 km entfernten Dorf fährt.

Blick auf die Pont du Diable und die dahinter liegende Autobrücke über die Hérault-Schlucht unterhalb von Saint-Guilhem-le-Désert.
Pont du Diable

Flüsse wie der Hérault waren früher reissende Hindernisse. Die Pont du Diable war eine der ersten stabilen Steinbrücken der Region. Die Pilger waren auf diese Stelle angewiesen, weil es flussabwärts kaum sichere Überquerungen gab.

Die Mönche der Abteien von Aniane und Saint-Guilhem verzweifelten am Bau der Brücke, da der Teufel nachts alles einriss. Der heilige Guilhem persönlich handelte den Pakt mit dem Teufel aus: Der Teufel baut die Brücke in drei Tagen, dafür gehört ihm die erste Seele, die sie überquert. Guilhem schickte einen Hund, dem er einen Topf an den Schwanz gebunden hatte, klappernd über die Brücke.

Als der Teufel bemerkte, dass er betrogen worden war, tobte er. Da die Brücke aber mit Weihwasser gesegnet war, konnte er sie nicht mehr zerstören. Vor Wut stürzte er sich in den Fluss Hérault und riss ein tiefes Loch hinein.

Blick in die Hérault-Schlucht und weitere Brücken. Wie hoch das Wasser stehen kann, sieht man gut am Bewuchs.
Jetzt führt der Hérault nur wenig Wasser

Tipp: Hast du mehr Zeit und bist später unterwegs, kannst du über den Besuch der Grotte de Clamouse oder eine Abkühlung im Wasser des Hérault am Plage du Pont du Diable nachdenken.

Blick von oben auf den Plage du Pont du Diable unterhalb der Pont du Diable. Dass türkis-grüne Wasser leuchtet selbst an einem trüben Tag.
Blick auf ein Stück Strand am Hérault

Saint-Guilhem-le-Désert

Saint-Guilhem-le-Désert gehört zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“, den «Les plus Beaux Villages de France«. Früher zog das Kloster Pilger an, weil es eine Reliquie des Wahren Kreuzes besass. Heute sind es vor allem Touristen, die durch die engen Gassen des mittelalterlichen Ortes streifen.

Das Kloster wurde im Jahr 804 von Guilhem gegründet. Er war der Cousin von Karl dem Großen und ein guter Militärstratege. Nach seinen Siegen gegen die Mauren zog er sich in die Einsamkeit zurück und wurde Mönch. Dennoch ist der Standort des Klosters so gewählt, dass in der engen Hérault Schlucht ein weiteres Vordringen der Mauren einfach abgewehrt werden konnte.

Bereits bevor wir Saint-Guilhem-le-Désert erreichen, wundern wir uns über umgefallene Bäume, eingeschlagene Scheiben. Auf dem Parkplatz vor dem Ortseingang liegen Zweige wie gesät. Auf dem Place de la Liberté sind die Menschen bereits bei den Aufräumarbeiten. Sie erzählen uns, dass ein Tornado durch das Dorf gefegt ist. Die grosse Platane aus dem Jahre 1855 hat nur ein paar Äste verloren und steht noch. Jedoch nicht alle Bäume hatten das Glück. Es ist eigenartig, denn in manchen der engen Gassen sieht es aus, als wäre nichts gewesen und in anderen liegen zerbrochene Blumentöpfe und umgefallene Bäume. Herbststürme sind hier zwar bekannt, aber ein Tornado muss auch für die Menschen neu gewesen sein.

Place de la Liberté in Saint-Guilhem-le-Désert mit Platane. Äste liegen wie gesät am Boden, aber es wird bereits aufgeräumt.
Aufräumarbeiten als wir kommen
Als wir Saint-Guilhem-le-Désert verlassen, schaut ein Stück Blau aus dem dunklen Himmel und die Aufräumarbeiten nach dem Tornado sind fast abgeschlossen.
Am Ende unseres Rundgangs ist der zentrale Platz aufgeräumt

Wir bummeln durch die engen Gassen, die an sonnigen Tagen sicher viel Schatten geben. Neben kleinen Restaurants entdecken wir eine Bierbrauerei und da wir morgens das Bier noch nicht kosten möchten, nehmen wir zwei Flaschen mit. (Unser Geschmack war es nicht ganz). In einem Spezialitätenladen mit Käse, Wurst, Baguette und Honig, wo es auch die traditionellen Ziegenkäse Pélardon gibt, kaufen wir uns ein Picknick zusammen, das wir später auf dem Hochplateau der Garrigue einnehmen.

Das Kloster, die Abbaye de Gellone, die von der Strasse so mächtig aussieht, ist dunkel im Inneren. Das Licht fällt durch drei kleine Fenster und erhellt den Altar. Da grosse Teile des Kreuzganges nach der Französischen Revolution verkauft wurden und heute in New York zu bestaunen sind, wirkt alles ein wenig nackt.

Romanische Abbaye de Gellone mit Rundapsis im Dorf Saint-Guilhem-le-Désert im Hérault
Die Abbaye de Gellone von der Strasse aus gesehen

Vom Kreuzgang des Klosters sieht man einen Berg, mit der Ermitage de Notre-Dame de Belle-Grâce, einer Einsiedelei mit Kapelle. Der Weg nach oben war bei unserem Besuch gesperrt.

Menhir du Lacan

Da die Strasse, die hinter Saint-Guilhem-le-Désert weiter bergauf führt, eine Privatstrasse ist, fahren wir über Montpeyroux zum Menhir du Lacan. Der Name des Ortes bedeutet steiniger Berg. Vom Parkplatz unten werfen wir einen Blick auf die Reste der Festung, die oberhalb des Dorfes liegt. Allerdings entscheiden wir uns aus Zeitgründen gegen einen Aufstieg, auch wenn ein interessanter botanischer Weg nach oben ausgeschildert ist.

Man muss genau hinsehen, um die Ruine der Festung oberhalb von Montpeyroux in der Vegetation zu entdecken.
Festungsruine oberhalb von Montpeyroux

Montpeyroux war einst Kreuzungspunkt. Pilger kamen auf dem Weg nach Santiago de Compostela hier vorbei, Reisende und Händler kreuzten den Ort.

An den Ausläufern des Zentralmassivs geht es nach oben zu einem grossen Kalksteinplateau, das zum Süd-Larzac gehört. Hier findet man eine mediterrane Gebirgslandschaft, durchzogen von Weinbergen, Pinienwäldern, dichtem Buschwerk aus Kermeseichen, Zistrosen, Rosmarin und Thymian und trockenen Rasenflächen, unterbrochen von lichten Eichen- und Steineichenwäldern. Hinter jeder Kurve ändert sich der Ausblick. Jetzt Ende August leuchten die Perückensträucher schon orange.

Der Menhir du Lacan steht einsam wie ein Wächter in der mediterranen Gebirgslandschaft. Ein Perückenstrauch leuchtet fröhlich.
Der Menhir du Lacan

Auf dem Plateau geben Schilder Auskunft, dass Menschen hier seit mindestens 5.000 Jahren ihre Spuren hinterlassen haben. Von Menhiren und Dolmen über Bronzezeitliche Siedlungen bis in die Neuzeit, wo in den 1880er Jahren hier oben eine Schule betrieben wurde, was man sich in dieser landschaftlich reizvollen, aber heute sehr einsamen Gegend nicht vorstellen kann.

Solche Spuren begegnen einem auch an anderen Orten in Frankreich, etwa in Carnac in der Bretagne.

Der Menhir du Lacan ist unter zwei Namen in der Gegend bekannt. Bei den Einheimischen wird er auch Menhir de Meule genannt, weil er aus der Ferne wie ein grosser Heuhaufen aussieht. Aus der Nähe sieht man, dass der fast 4 m hohe Menhir restauriert wurde.

Blick über die Ausläufer des Zentralmassivs. Die Strasse schlängelt sich durch die Berge. Wir folgen ihr wieder auf dem Weg vom Menhir du Lacan zum Cirque de Mourèze.
Ausblick über die einsame Landschaft

Cirque de Mourèze

Szenenwechsel: Nur etwa 30 Kilometer vom Kalksteinplateau des Menhirs entfernt, befinden wir uns plötzlich umgeben von grauem bis gelblichem Dolomit. Das erklärt auch, warum uns im Cirque de Mourèze verwitterte, bizarr geformte und bis zu 30 Meter hohe Felssäulen begegnen. Es ist eine vollkommen andere Landschaft, ein wenig wie ein Labyrinth, durch das sich verschlungene Wege ziehen. Dolomit ist ein Kalkstein, der durch magnesiumhaltiges Wasser spröder wurde und so leichter erodiert.

Blick auf zerklüftete Felsnadeln im Cirque de Mourèze. Dazwischen wachsen Pinien, Kiefern und Büsche.
Blick auf zerklüftete Felsnadeln im Cirque de Mourèze.

Während oben im Hérault-Gebirge ein kühler Wind wehte, fühlen wir uns hier wie im Backofen. Die Wege sind kaum ausgeschildert; man muss neugierig sein und den Trampelpfaden folgen. Manchmal landet man in einer Sackgasse, und manchmal führt einen plötzlich eine Leiter auf eine Spitze, von der man die ganze Aussicht geniessen kann. Diese Gegend ist faszinierend, aber man sollte sie eher am kühlen Morgen erkunden.

Ausblick von einer Felsnadel auf ein sich zwischen die Felsen duckenden Dorfes. Der Kirchturm konkurriert in der Höhe mit den Felsen.
Ausblick von einer Felssäule

Wenn du auf die Karte schaust, wirst du noch den Cirque de Navacelles entdecken. Dieses UNESCO-Weltkulturerbe, welches ein Fluss geschaffen hat, hätte uns noch sehr interessiert, hat aber auf dieser Reise keinen Platz mehr gefunden. Da der Cirque de Mourèze sich gut mit unserem nächsten Ziel, dem Lac du Salagou verbinden liess, hat er gewonnen.

Auch wenn man den Cirque de Mourèze in Richtung Lac du Salagou verlässt, führt die Strasse unmittelbar neben dem Felslabyrinth weiter.
Niedrigere Felsnadeln neben der Strasse zum Lac du Salagou

Lac du Salagou

Die Strecke vom Cirque de Mourèze zum Lac du Salagou ist eindrücklich. Gepflegte, alte Dörfer und Kalksteinnadeln direkt neben der Strasse wechseln sich ab, bis sie weiten Feldern weichen. Jetzt ist die Erde tiefrot vom Eisengehalt der „Ruffes“. Das ist ein 250 Millionen Jahre altes Sedimentgestein, das man in Hügelform am Ufer des Stausees bewundern kann. Die Farbkontraste aus gelben Gräsern, roter Erde, dem grünen Schilfgürtel und dem blauen Himmel sind faszinierend.

Die Felder am Lac du Salagou sind bereits gepflügt. Die rote Erde leuchtet zwischen den trockenen Grashalmen. Vor blauem Himmel ein schöner Farbkontrast.
Felder am Lac du Salagou

Der Lac du Salagou dient als Wasserreservoir für die Landwirtschaft und für Löschflugzeuge, wird ansonsten aber für die Freizeit genutzt. Entspannen konnten wir hier allerdings nicht, und das hatte einen Grund: Louisiana-Flusskrebse.

Der Boden am Lac du Salagou ist rostrot, am gegenüberliegenden Ufer ragen die roten Hügel der Ruffes hoch. Teilweise sind sie mit Büschen bewachsen.
Ohne die Flusskrebse wäre es ein kleines Paradies

Als uns der erste noch lebende Krebs vor die Füsse lief, waren wir fasziniert und haben ihn sehr lange beobachtet. An einer anderen Stelle am See wurde es aber gruselig. Aus jeder Pfütze, die das Unwetter von Saint-Guilhem hinterlassen hatte, krabbelten Flusskrebse. Auf dem Weg zum See musste man aufpassen, nicht auf sie zu treten. Die Krebse sind recht aggresiv und gehen gleich in Verteidigungsstellung. Dass es eine invasive Art ist, die es von der Küche in den Lac du Salagou geschafft hat, glauben wir sofort.

Ein roter Sumpfkrebs am Lac du Salagou wie man die Louisiana Flusskrebse auch nennt. Er ist ein einarmiger Bandit mit momentan nur einer kräftigen Schere.
Die fehlende Schere des Louisiana Flusskrebses wächst bei der nächsten Häutung nach
Dieser Louisiana Sumpfkrebs am Lac du Salagou hat an der Oberseite eine tiefe blau-schwarze Färbung und nimmt eine Kampfposition ein.
Louisiana Flusskrebs in Kampfposition

Da es inzwischen schon recht spät ist, machen wir uns auf den Rückweg nach Sète. Damit verpassen wir zwar das ehemalige Geisterdorf Celles, das beim Bau des Sees geräumt wurde, aber heute wohl langsam wieder besiedelt wird.

Letzter Blick auf den Lac du Salagou und die spannende Landschaft der Ruffes.
Abschied vom Lac du Salagou

Als wir am Étang de Thau vorbeifahren, geht die Sonne unter. Jetzt stehen viel mehr Flamingos in den flachen Becken im Wasser und schlafen schon.

Étang de Thau mit schlafenden Flamingos im Licht der untergehenden Sonne auf dem Rückweg nach Sète.
Abendstimmung am Etang de Thau

Pézenas – heimliche Hauptstadt des Languedoc

An Pézenas streiten sich die Geister. Uns lässt es schon bei der Suche nach einem Parkplatz fast verzweifeln. Hier trafen sich mehrmals im Jahr die mächtigsten Adligen und Bischöfe der Region, um über Steuern und politische Fragen zu entscheiden. Deshalb ist Pézenas berühmt für seine Stadtpaläste. Man wollte ja schliesslich standesgemäss während der Sitzungsperioden wohnen.

Historischer Platz mit Natursteinhäusern und bunten Fensterläden in der Altstadt von Pézenas
Altstadt von Pézenas

Allerdings erweist es sich als schwieriger als gedacht, die prunkvollen Treppenhäuser zu besichtigen, denn obwohl wir eine Liste dieser besuchbaren Stadtpaläste recherchiert hatten, stehen wir vor vielen Häusern vor verschlossenen Türen. So spazieren wir einfach nur noch durch die Altstadt und bestaunen die Auslagen der Geschäfte. In Pézenas muss man wirklich sein Portemonnaie festhalten, denn hier findet man schöne Handwerkskunst. Bei der Keramik werden wir dann schwach.

Dass Molière in Pézenas vom Prinzen von Conti protegiert wurde, ist bekannt. Deshalb finden im Ort auch Molière Theaterfestspiele statt. Warum wir hier jedoch einen «Wegweiser» zum Mond mit Entfernungsangabe finden, müssen wir erst später recherchieren. Es ist wohl eine Hommage an den in Pézenas geborenen Sänger Bobby Lapointe. Er war ein Meister des absurden Humors und ein Mathematiker.

Bevor wir Pézenas wieder verlassen, probieren wir noch die berühmten Pasteten – «Le Petit Pâté de Pézenas«. Zu verdanken sind sie dem indischen Koch von Lord Clive, dem Generalgouverneur von Bengalen, der den Ort besuchte. Die kleinen Türmchen sind mit Lammfleisch in einer süsslichen Brühe gefüllt. Heute gibt es viele Abwandlungen davon.

Le Petit Pâté de Pézenas auf einem Blech auf einer hellblauen Holzkiste in einem Schaufenster.
Die berühmten Pasteten

Damit fahren wir ein letztes Mal nach Sète zurück, bevor wir unser nächstes Lager noch einmal am Mittelmeer in Gruissan aufschlagen.

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