Patumbah – eine Villa in Zürich und ein Ort auf Sumatra
Die Villa Patumbah in Zürich ist ein prägnantes Beispiel für die repräsentativen Wohnhäuser des 19. Jahrhunderts. Mit ihrer detailreichen Architektur und dem grosszügigen Park zeigt sie, wie eng Wohlstand und koloniale Vergangenheit miteinander verknüpft sind. Heute beherbergt die Villa das Heimatschutzzentrum Zürich, in dem du spannende Ausstellungen zur Baukultur besuchen kannst. Besonders eindrücklich ist auch die Ausstellung „Patumbah liegt auf Sumatra“, die anhand von Briefen und Dokumenten die koloniale Geschichte und persönlichen Spuren lebendig werden lässt. Der Park der Villa Patumbah ist öffentlich zugänglich und bietet dir eine grüne Oase mitten in der Stadt.

Ein Besuch der Villa Patumbah in Zürich
Beim ersten Blick auf die prachtvolle Villa Patumbah denkst du vielleicht nicht sofort an Kolonialgeschichte. Und doch wirft der Bau spannende Fragen auf: Hatte die Schweiz überhaupt eigene Kolonien? Die Antwort lautet nein.
Trotzdem waren viele Schweizer im 19. Jahrhundert eng in das koloniale Wirtschaftssystem eingebunden. Sie verdienten ihr Geld mit Tabak-, Kaffee- und Zuckerplantagen oder mit dem Handel sogenannter Kolonialwaren wie Tee, Gewürzen und exotischen Früchten. Auch die Textilindustrie suchte Absatzmärkte in aller Welt.
Diese Verflechtungen prägten das Leben einzelner Unternehmerfamilien – und hinterliessen Spuren bis nach Zürich. Ein Beispiel dafür ist Karl Fürchtegott Grob, der Erbauer der Villa Patumbah.
Auf dem Weg zu einem Vermögen
Karl Fürchtegott Grob wurde 1830 als Sohn einer Bäckersfamilie im Zürcher Niederdorf geboren. Schon früh zog es ihn hinaus in die Welt: Als junger Kaufmann arbeitete er in Messina auf Sizilien, wo er seinen späteren Geschäftspartner Hermann Näher kennenlernte.
1865 vergab der Sultan von Deli auf Sumatra mehrere Landkonzessionen für den Tabakanbau. Einer der ersten Schweizer dort war Albert Breker, der sich mit seiner Plantage rasch einen Namen machte. Sein Erfolg sprach sich in europäischen Handelskreisen schnell herum und lockte weitere Unternehmer an.
Ein wichtiges Ereignis war die Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869, die den Seeweg nach Südostasien erheblich verkürzte. Im selben Jahr reisten Grob und Näher nach Sumatra, um auf der Plantage von Breker erste Erfahrungen im Tabakanbau zu sammeln.
Bereits 1871 pachteten die beiden eigenes Land und bauten eine Tabakplantage auf. Innerhalb von zehn Jahren war das Unternehmen so erfolgreich, dass Grob und Näher als wohlhabende Männer nach Europa zurückkehrten – Grob nach Zürich, Näher an den Bodensee. Die Plantage hielten sie noch bis 1889 und verkauften sie dann an ein niederländisches Unternehmen. Der Zeitpunkt erwies sich als glücklich: Schon kurz darauf führte die Tabakkrise von 1890/91 mit neuen Zollbarrieren in den USA zu einem massiven Wertverfall. Beim Verkauf umfasste die Plantage rund 25’500 Hektar – eine eindrückliche Dimension.
Die Ausstellung «Patumbah liegt auf Sumatra»
Schon der Titel dieser Ausstellung spielt mit dem Namen der Villa Patumbah in Zürich und dem Ort, dem ihr Erbauer Karl Fürchtegott Grob sein Vermögen verdankte. Untergebracht ist sie in den Räumen auf Parkebene der Villa. Alte Fotos, Briefe und Dokumente vermitteln dir ein eindrückliches Bild vom Leben jener wenigen Europäer, die auf Sumatra Plantagen betrieben.

Das Leben in der Ferne versprach Reichtum, brachte aber auch grosse Gefahren mit sich. Einige Pflanzer kamen bei Aufständen ums Leben, viele erkrankten an Tropenkrankheiten. Dennoch wagten auch Ehefrauen die Reise nach Südostasien. Auf den Plantagen lebten sie abgeschieden und führten ein eintöniges Leben, in dem jeder Besucher und jeder Brief eine willkommene Abwechslung bedeutete. Um ihren Status zu wahren, hielten die Familien zudem Angestellte im Haus.
Besonders eindrücklich ist der Blick auf die andere Seite: die Arbeits- und Lebensbedingungen der Tausenden von Kontraktarbeitern, den sogenannten „Kulis“. Sie stammten aus China, Java und vielen anderen Regionen und arbeiteten unter harten Bedingungen. Ethnische Gruppen wurden dabei gezielt für unterschiedliche Aufgaben eingesetzt. Batak und Malaien rodeten den Urwald, Javaner kümmerten sich um die Tabakpflanzen, Inder und Afghanen dienten als Wachpersonal, Tamilen bauten Strassen, und Chinesen übernahmen Akkordarbeiten. Viele von ihnen bezahlten den Arbeitseinsatz mit ihrem Leben.
Die Ausstellung macht deutlich, dass der märchenhafte Reichtum der Plantagenbesitzer auf der Ausbeutung von Mensch und Natur beruhte. Der Tabakanbau bedeutete nicht nur menschliches Leid, sondern auch den massiven Rückgang des Regenwaldes. Ein Rundgang durch die Ausstellung regt daher zum Nachdenken an – über Kolonialismus, seine Folgen und über Parallelen zur heutigen Globalisierung.
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Architektur und Innenräume der Villa Patumbah
Karl Fürchtegott Grob benannte seine prächtige Villa nach seiner Tabakplantage auf Sumatra. „Patumbah“ stammt aus dem Altmalaiischen und bedeutet „offenes Haus“ – ein Ort, an dem man gerne lebt. Zwischen 1883 und 1885 liess Grob die Villa von den bekannten Architekten Chiodera und Tschudy im Stil des Historismus erbauen.

Die Architektur der Villa Patumbah in Zürich vereint Stilelemente der Gotik, Renaissance und des Rokokos. Edle Materialien wie Carrara-Marmor und Kalkstein aus Verona unterstreichen den repräsentativen Charakter. Besonders bemerkenswert sind jedoch die Fassadenmalereien. Hier wurden erstmals die von Adolf Wilhelm Keim entwickelten Mineralfarben eingesetzt. Ursprünglich im Auftrag von König Ludwig I. von Bayern erfunden, sollten diese Farben die strahlenden Kalkfresken Norditaliens auch nördlich der Alpen dauerhaft möglich machen. In Zürich fanden sie an der Fassade von Grobs Villa eine wegweisende Anwendung – mit dekorativen Mustern und Illusionsmalereien, die bis heute beeindrucken.
Betrittst du die Villa, führt dich eine reich ornamentierte Galerie aus Gusseisen in das Gebäude oder in den Park. Dieser Eingangsbereich zeigt bereits die Liebe zum Detail und den Anspruch, die Villa als Symbol für Reichtum und Weltoffenheit zu präsentieren. Im Inneren erwarten dich prunkvoll ausgestattete Räume, die durch ihre stilistische Vielfalt überraschen. Die Gestaltung macht deutlich, dass Grob nicht nur sein Vermögen, sondern auch den kulturellen Austausch zwischen Europa und Asien sichtbar machen wollte.

Das Erdgeschoss der Villa Patumbah
Im Erdgeschoss der Villa Patumbah befinden sich die Repräsentationsräume, die zum Park hin ausgerichtet sind. Sie dienten Karl Fürchtegott Grob dazu, Gäste zu empfangen und seinen Reichtum sichtbar zu machen. Besonders das Esszimmer und das Herrenzimmer fallen ins Auge. Beide wurden im Stil der Renaissance gestaltet und sind mit bemalten Kassettendecken ausgestattet. Eine kunstvoll gearbeitete Tür verbindet die beiden Räume.


Das Esszimmer zeigt noch heute Details der ursprünglichen Ausstattung. Ein halbhoher Täfer zieht sich um den Raum, darüber liegt eine Tapete mit floralen Mustern. An der Wand steht ein grüner Kachelofen, der den Raum früher beheizte.
Ganz anders wirkt das Damenzimmer, das im Rokokostil gestaltet ist. An der farbig hervorgehobenen Stelle, wo einst ein Kachelofen stand, lässt sich die ursprüngliche Einrichtung nur noch erahnen. Fenster, Türen, eine Durchreiche und der Ofen nahmen viel Platz ein – die Gestaltungsmöglichkeiten waren dadurch stark eingeschränkt.
Während der Führung erfährt man auch von den Herausforderungen der Renovation. Jahrzehntelang nutzte die Diakonie die Villa Patumbah als Altersheim. Wände und Decken wurden damals ohne Rücksicht überstrichen, wertvolle Details verdeckt. Erst durch die aufwendige Renovation der Stiftung Heimatschutz wurden viele Elemente wieder sichtbar.
Ein Detail solltest du dir nicht entgehen lassen: das sogenannte Drachenauge im Vestibül. Wer darunter steht und nach oben blickt, erkennt durch ein rundes Fenster die Glaskuppel und in den vier Dreiecken kleine Drachen – ein verspieltes Detail, das zur Atmosphäre der Villa beiträgt.


Die asiatische Galerie
In den beiden oberen Stockwerken der Villa Patumbah befanden sich einst die Privaträume der Familie Grob sowie Kammern für die Dienstboten. Heute nutzt der Schweizer Heimatschutz diese Räume als Büros.
Schon der Aufstieg durch das ovale Treppenhaus beeindruckt mit kunstvoll bemalten Decken und Wänden. Oben öffnet sich der Blick in einen hohen, lichten Raum, der sich über zwei Etagen erstreckt und von einer farbigen Glaskuppel überdacht wird.

Die umlaufenden Galerien sind reich verziert. Schnitzereien und Malereien im fernöstlichen Stil schmücken die Brüstungen, Wände und selbst die Türen sind mit Tuschezeichnungen dekoriert, die chinesische Schriftzeichen nachahmen. Sie stammen jedoch von lokalen Malern und ergeben keinen Sinn. Ihr Zweck war rein dekorativ.

Dieses Atrium unter der Glaskuppel ist der prachtvollste Teil der Villa. Es vermittelt den Eindruck von Weite und Exotik und zeigt, wie sehr Grob die Eindrücke aus Übersee in die Gestaltung seines Hauses einfliessen liess. Zugleich wirkt es wie eine Bühne, auf der er seinen Reichtum und seine Weltläufigkeit demonstrierte.
Ausstellung „Baukultur erleben – hautnah“
Am Ende der Besichtigung der Innenräume widmen wir uns noch einer zusätzlichen Ausstellung im Erdgeschoss. In drei der Repräsentationsräume hat der Heimatschutz die Schau „Baukultur erleben – hautnah“ eingerichtet. Ihr Ziel ist es, den Blick für die gebaute Umwelt zu schärfen.
Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie sehr sich Landschaften durch Bauten verändern. Besonders spannend ist ein interaktives Puzzle mit Luftaufnahmen von damals und heute. Die passenden Stücke zusammenzufügen, ist gar nicht so einfach, denn durch die fortschreitende Bebauung lassen sich viele Orte nur noch am Verlauf eines Sees oder an markanten Landschaftsformen erkennen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Baudenkmälern. Spielerisch umgesetzt wird er durch ein Orakel: Man wählt ein Baudenkmal, legt die entsprechende Karte auf die Maschine und beantwortet ein paar Fragen. Als Belohnung spuckt das Orakel eine augenzwinkernde Botschaft aus.
Im Damenzimmer widmet sich die Ausstellung schliesslich der Entwicklung von Türklinken und den dazugehörigen Verschlussmechanismen – ein Detail, das zeigt, wie viel Geschichte in alltäglichen Dingen steckt.
Der Park der Villa Patumbah
Die Villa Patumbah ist bis heute von einem Park mit altem Baumbestand umgeben. Der Landschaftsgärtner Evariste Mertens entwarf ihn in Anlehnung an den englischen Landschaftsgarten.
Nahe bei der Villa liegen farbenfroh bepflanzte Rabatten und der Muschelbrunnen. Diese Riesenmuscheln soll Grob von seiner Rückreise aus Sumatra mitgebracht haben. Ein geschwungenes Wegnetz verbindet die einzelnen Gartenräume, während Gehölzkulissen den Park gliedern. Immer wieder taucht die Tabakpflanze als Gestaltungselement auf – eine Erinnerung an den Erbauer.


Auch Inseln mit exotischen Bäumen finden sich im Garten.

Zunächst war nur der villennahe Teil des Parks angelegt. Unterhalb des Grundstücks verlief das Gleis der Nordostbahn. Grob liess es auf eigene Kosten mit einem Tunnel überdecken und erhielt das Nutzungsrecht am gewonnenen Land. Dort entstand auch ein grosser Nutzgarten im Norden. 1929 verkaufte die Diakonie dieses Areal, wodurch der Park in zwei Hälften zerschnitten wurde.
Später plante die Diakonie sogar den Abriss der Villa Patumbah zugunsten eines Neubaus. Dies verhinderte die Stadt Zürich, die die Villa und die verbliebene Parkhälfte erwarb. Der Park wurde daraufhin originalgetreu rekonstruiert.
Um die nördliche Hälfte vor Überbauungen zu bewahren, entstand eine Stiftung. Das Ziel liess sich jedoch nicht vollständig umsetzen. Entlang der Grundstücksgrenzen entstanden Randbauten. Der mittlere Teil blieb frei, sodass das Wegsystem restauriert und wesentliche Elemente des ursprünglichen Parks erhalten werden konnten. Seit 2013 ist die Anlage wieder öffentlich zugänglich.

Kutschenhaus und Pferdestall
Bereits wenn man auf den Haupteingang der Villa Patumbah in Zürich zugeht, fällt linker Hand ein prächtiges Haus auf. Es handelt sich um das ehemalige Kutschenhaus mit Pferdestall, das zusammen mit der Villa durch einen gusseisernen Zaun eingefasst ist. Auch die seitliche Galerie, durch die man die Villa betritt, ist mit diesem Gebäude durch ein schmiedeeisernes Tor mit Schmetterlingsmotiv verbunden.
Die Villa Patumbah, das Kutschenhaus und der Park zeugen vom enormen Reichtum, den Karl Fürchtegott Grob mit seiner Plantage auf Sumatra erworben hat. Doch der Wohlstand war nicht von Dauer: Karl Fürchtegott Grob starb bereits 1892, wenige Jahre nach der Fertigstellung der Villa…
Auch sein Teilhaber Hermann Näher liess sich am Bodensee eine prachtvolle Villa bauen, das Schloss Holdereggen. Sein luxuriöser Lebensstil und riskante Aktienspekulationen führten jedoch in den Konkurs.

Praktische Informationen für den Besuch
Die Villa Patumbah ist ein Ort, der sich vor allem für kultur- und architekturinteressierte Besucher eignet. Wer historische Baukunst liebt oder sich mit Kolonialgeschichte auseinandersetzen möchte, wird hier fündig. Für Familien bieten sich besonders die Theatertouren an, da Kinder so spielerisch an die Geschichte der Villa herangeführt werden.
Die Villa liegt im Zürcher Seefeldquartier und ist von der Innenstadt schnell erreichbar.
Anreise zur Villa mit:
- Öffentlicher Verkehr: Tram 2 oder 4 bis Haltestelle Fröhlichstrasse (Eingang Mühlebachstrasse, durch den Park) oder Bus 33/77 bis Haltestelle Botanischer Garten (Eingang Zollikerstrasse).
- Auto: Es gibt keine Besucherparkplätze direkt bei der Villa
Öffnungszeiten Villa
- Montag, Dienstag: geschlossen
- Mittwoch, Freitag, Samstag: 14–17 Uhr
- Donnerstag und Sonntag: 12–17 Uhr
Führungen Villa Patumbah:
- Kurzführung: jeden Donnerstag, 12:30 Uhr
- Öffentliche Führung: letzter Sonntag im Monat, 14 Uhr
- Audioguide Tour (8 Stationen Villa und Park)
- Theatertour: jeden 1. Sonntag im Monat
Weitere Workshops und Angebote sowie die aktuellen Preise entnimm bitte der offiziellen Website.
Der angrenzende Patumbah-Park ist eine städtische Grünanlage. Von April bis September ist er von 6 bis 22 Uhr und von Oktober bis März von 5.30 bis 18.45 Uhr geöffnet.

Wenn dich die Villa Patumbah begeistert, findest du auch in anderen Zürcher Gebäuden beeindruckende Innenräume und Lichthöfe – ein Thema, dem ich in meinem Beitrag Ein Plädoyer Türen zu öffnen nachgegangen bin. Und falls du im Anschluss noch Lust auf Natur hast, lohnt sich ein Spaziergang im nahen Botanischen Garten Zürich.
Tipp am Rande: Im kleinen Museumsshop kann man die Schoggitaler erwerben, die seit 1946 von Pro Natura und Heimatschutz jährlich zur Förderung oder dem Schutz eines Projektes herausgegeben werden und die sonst Schulkinder von Tür zu Tür verkaufen. Im Bild Schoggitaler mit der Sammlung für das Bavonatal im Tessin, ein Tal dessen Besuch wir nur empfehlen können.

