Bavonatal im Frühjahr – ein Tal ausserhalb der Zeit

Wir schreiben das Jahr 2023 in der Schweiz. Die ganze Schweiz ist elektrifiziert, bis in den letzten Winkel. Bis in den letzten Winkel? Nein. Denn im Maggiatal gibt es mit dem Bavonatal ein Tal ohne Stromversorgung, das nur saisonal bewohnt ist und wie aus der Zeit gefallen wirkt. Mächtige Felsbrocken prägen die Landschaft, dazwischen liegen kleine Ortschaften wie Sabbione, Foroglio und Sonlerto. Typisch für das Bavonatal sind die sogenannten Splüi, in Felsen integrierte Räume, die als Keller, Stall oder Unterschlupf genutzt wurden. Die Schönheit des Bavonatals erschliesst sich am besten beim Wandern. Gerade im Frühjahr, wenn das Bavonatal schneefrei ist, zeigt sich die Ursprünglichkeit dieses Tals besonders eindrücklich.

Die Ruten kleiner Weidenbäume leuchten in der Sonne. Felsbrocken unterschiedlicher Grösse liegen auf dem Talboden. Gut getarnt kann man ein Steinhäuschen entdecken.
Es ist erstaunlich, wie die Bewohner des Bavonatals das Beste aus den landschaftlichen Gegebenheiten gemacht haben.

Praktisches für deinen Besuch im Bavonatal

Das Bavonatal ist nur saisonal mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen. Ausserhalb der Hauptsaison ist die Anreise ausschliesslich mit dem eigenen Fahrzeug möglich. Vor Ort bietet sich eine Kombination aus kurzen Fahrten und Spaziergängen oder Wanderungen zwischen den einzelnen Ortschaften an, da sich die Siedlungen über das gesamte Tal verteilen.

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Für eine Übernachtung eignet sich das nahe gelegene Cevio besonders gut als Ausgangspunkt. Der Ort verfügt über Einkaufsmöglichkeiten, eine Bäckerei und Restaurants und liegt günstig, um das Bavonatal in Ruhe zu erkunden.

Das Zentrum von Cevio hat in der Mitte eine Grünfläche umgeben von stark beschnittenen Bäumen. Farbige Häuser und schöne Innenhöfe zeugen von einem gewissen Wohlstand in der Vergangenheit.
Ein Blick auf das Zentrum von Cevio.

Was macht das Bavonatal so einzigartig

Du hast schon mal vom Centovalli gehört und das unglaubliche Grün der Verzasca bewundert und hast vielleicht auch schon einmal ein kühlendes Bad in der Maggia genommen, aber vom Bavonatal hast du noch nie gehört? Das ging uns lange ähnlich. Derweil musst du in Bignasco, wo die Bavona in die Maggia fliesst, einfach nur dem Fluss ins Bavonatal folgen. Tipp: Folgt man stattdessen der Maggia weiter, gelangt man ins Lavizzaratal und nach Mogno mit seiner modernen Kirche und zum Stausee. Nur fährt man meist nicht so tief ins Maggiatal. Ein Fehler, denn ein Ausflug ins Bavonatal führt dich in eine ganz andere Welt.

Das Tal hat einen eiszeitlichen Ursprung. Hohe Felswände schliessen das Tal ein und bilden ein U. Das Besondere an diesem Tal sind die grossen Felsbrocken, die überall verstreut liegen. Welche davon von Felsstürzen stammen und welche der Gletscher von einst da vergessen hat, ist für den Laien nicht zu unterscheiden.

Das Bavonatal von der anderen Seite der Brücke in Foroglio gesehen. Blauer Himmel, rechts und links hohe Berge und im Tal viel Schatten.
Das Bavonatal von Foroglio gesehen. Der Stützpfeiler in der Mitte der Brücke ist auch ein grosser Felsbrocken.

Auf alle Fälle liegen die Felsen dort schon lange in der Landschaft. Die einstigen Bewohner des Tals verstanden es meisterhaft, die Felsen zu nutzen. Felsüberhänge der grossen Felsbrocken wurden als Viehställe, Keller oder Unterschlupf genutzt. Diese sogenannten Splüi prägen das Bavonatal bis heute. Du kannst sie besonders gut in Sabbione oder Sonlerto sehen. Man vermutet, dass sich das Wort Splüi vom lateinischen Spelunca, was soviel wie Höhle bedeutet, ableitet.

Bild eines Splüi in Sabbione, der wohl als Lagerraum genutzt wurde.
Dies ist eine kleinere Höhle, die als Keller in Sabbione genutzt wird.

Manche Bewohner sollen auf den Felsen sogar Gemüsegärten angelegt haben, um sie vor gefrässigen Tieren zu schützen. Aber davon sieht man natürlich bei einem Besuch im Februar nichts.

Die Ortschaften des Bavonatals

Bei den Ortschaften handelt es sich um kleinere oder grössere Ansammlungen von Häusern, die über das Bavonatal verstreut liegen. Diese 12 Siedlungen werden auch Terre genannt. Die grösseren Siedlungen haben ihre Eigenheiten, denn mal war mehr Platz vorhanden und mal weniger. Geschickt wurden die landschaftlichen Gegebenheiten genutzt, um das kostbare Weide- und Ackerland nicht zu verbauen.

Die Wissenschaft vermutet, dass das Bavonatal schon vor 1.000 Jahren bewohnt war. Eine Strasse gibt es aber erst seit der Mitte des letzten Jahrhunderts. 1983 wurde das Bavonatal in das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen. Deshalb konnte es seinen ursprünglichen Charakter bewahren.

Einige der eindrücklicheren Orte wie Sabbione, Foroglio oder Sonlerto stelle ich dir vor.

Sabbione

Sabbione liegt an diesem angenehmen Wintertag in der Sonne. Hohe Felswände bilden den Rahmen, kahle Bäume ziehen sich ein wenig am Hang entlang. Grosse Felsbrocken liegen verstreut auf dem Talboden des Bavonatals. Dazwischen gruppieren sich die wenigen Häuschen.
Der liebevoll von Steinmäuerchen gefasste Weg führt von der Bushaltestelle durch das Dorf.

Wir beginnen unsere Besichtigung mit Sabbione und können uns fast nicht satt sehen. Es ist so jenseits von allem, was wir bisher gesehen haben.

Das wohl markanteste Haus in Sabbione mit einer Felsmütze, die auf einem weiteren länglichen Felsbrocken zu ruhen scheint. Unterhöhlt und mit Trockenmauern versehen, liegt er da, als würde er gestützt.
Gern hätten wir gewusst, wie es im Inneren des Hauses aussieht.
Ein Haus aus Trockensteinmauern mit zwei Etagen und Schornstein leht sich scheinbar an einen grossen Felsbrocken. Steintreppen führen hinauf. Unter dem Felsen sind verschiedene Verschläge und mit Türen verschlossene Keller eingebaut. - Sabbione im Bavonatal
Auf der Sonnenseite hat das Haus eine schöne Terrasse.
Eine andere Perspektive des grossen Felsbrockens. Der Hang wird liebevoll mit Mauern gestützt und Ställe und Scheunen stehen im Vordergrund. - Sabbione im Bavonatal
Die Symbiose zwischen Felsbrocken, natürlichem Gelände und Gebäuden ist faszinierend.

Im weiteren Verlauf des Ortes sind die alten Häuser zum Teil liebevoll restauriert. Von aussen sehen sie so aus, wie anno dazumal, im Inneren sind sie aber dem heutigen Leben angepasst. Da eine Stromversorgung im Bavonatal bewusst fehlt, obwohl hier Strom produziert wird, vermuten wir, dass die Bewohner sich mit Gas und Kerzen behelfen werden.

Wir fahren nicht direkt weiter, sondern suchen den Einstieg in den Wanderweg durch das Bavonatal bei Sabbione. Da wir die Bavona auf der Hängebrücke überqueren, suchen wir jedoch auf der falschen Seite und landen unerwartet in einem stillen, fantastischen Auenwald. Dort verbringen wir zwischen märchenhaftem Wald und trockenen Seitenarmen viel Zeit.

So kommt es, dass der nächste Ort schon im Schatten liegt, weshalb wir dieses Mal an Ritorto vorbeifahren.

Ritorto, ein Ort im Bavonatal, versammelt seine verputzten und unverputzten Steinhäuser vor und hinter der Kirche, deren Kirchturm heute direkt an der Strasse steht. Auf der anderen Talseite strahlt noch die Sonne.
Ritorto im Schatten

Foroglio

Foroglio ist vor allem wegen seines Wasserfalls und seines Restaurants bekannt. Den Wasserfall sieht und hört man schon lange, bevor Foroglio selbst ins Bild kommt. Das Restaurant ist jedoch nur während der Hauptreisezeit geöffnet, ausserhalb der Saison bleibt der Ort still und fast verlassen. Der Briefkasten von Foroglio wird jedenfalls nur von Mitte Juni bis Mitte Oktober geleert, was der Hauptreisezeit im Bavonatal entsprechen dürfte.

Der Wasserfall von Foroglio aus der Ferne gesehen. Jetzt im trockenen Winter ist er wenig spektakulär.
Die Lichtverhältnisse sind jetzt im Winter mit dem flachen Sonnenstand noch recht schwierig.

Der Fluss Calnègia kommt aus dem oberhalb von Foroglio gelegenen, gleichnamigen Seitental und stürzt in Foroglio als Wasserfall ins Tal, wo er lautstark auf sich aufmerksam macht. Kannst du dir vorstellen, dass von Foroglio aus nur ein Weg über eine Steintreppe im Felsen ins Calnègiatal führt? Dieses Hochtal war wohl immer nur im Sommer bewohnt, da die Gefahren der Natur im Winter zu gross sind, und ist nur zu Fuss erreichbar. Wir kommen wieder und heben uns diese Wanderung für eine wärmere Jahreszeit auf, wenn auch das Restaurant Froda in Foroglio geöffnet hat. Dann liesse sich der Besuch des Hochtals mit seinen ungewöhnlichen Häusern gut mit einem Essen verbinden. Für heute bleiben wir jedoch in Foroglio und hören dem Wasserfall zu.

Jetzt, im Februar, ist in Foroglio wie im restlichen Bavonatal wenig los. Der grosse Parkplatz deutet es aber an, dass der Ort zu einer anderen Jahreszeit sehr beliebt ist. Von Foroglio führt auf der anderen Seite der Brücke ein Weg direkt zum Wasserfall. Zu einer anderen Zeit ist er sicher spektakulärer.

Ein breites, mit grossen Felsbrocken übersätes Flussbett, führt den Blick langsam zum Wasserfall von Foroglio und gibt eine Ahnung davon, wie viel Wasser der Wasserfall nach unten befördern kann. - Bavonatal
Im Moment kann man trockenen Fusses recht nah an den Wasserfall heran laufen.

Nachdem wir zuerst dem Wasserfall Foroglio einen Besuch abgestattet haben, gehen wir durch den Ort, der gerade noch in der Sonne liegt.

Foroglio vom Wasserfall kommend aus gesehen. Die Steinhäuser und der Kirchturm liegen noch in der Sonne, wie auch die hohen Berge dahinter. Allerdings kommt der Schatten immer näher. - Bavonatal
Jetzt müssen wir uns beeilen, wenn wir noch ein paar Fotos mit Sonnenlicht machen wollen.

Während wir durch den Ort laufen, fragen wir uns, ob hier ein besonderes Mikroklima herrscht. Der Baum mit den grünen Blättern wirkt genauso surreal wie eine blühende rote Rose, die wir etwas später an einer Hauswand entdecken.

Sonlerto

Auch in Sonlerto machen wir einen Spaziergang durch den Ort. Etwas verunsichert betrachten wir die Evakuierungspläne im Aushang und die Hinweise, dass auch die Bewohner der Steinhäuser sich an einer höher gelegenen Felswand zu sammeln haben. Natürlich wissen wir, dass es oberhalb des Talkessels Stauseen gibt, aber Stauseen gibt es viele in der Schweiz und so immer wiederkehrend wie hier im Bavonatal und dem Nachbartal haben wir die Warnungen vorher noch nie gesehen.

Vom Parkplatz aus liegt Sonlerto gerade im Gegenlicht. Der Kirchturm versucht mit den Bergspitzen im Hintergrund zu konkurrieren, während schon auf den ersten Blick die Integration der Felsbrocken in die Architektur von Stützmauern im Hang auffällt. Auch ein grosses Holzgebäude erhebt sich wieder über senkrechte Stützbalken mit Steinmanschetten und fällt damit etwas aus dem Rahmen inmitten der Steinhäuser.
Sonlerto vom Parkplatz aus gesehen.

Im Ort gibt es viele Details zu entdecken. Der offene Glockenturm mit dem Strick, der geradezu dazu animiert einmal daran zu ziehen. Glücklicherweise fällt mir der Zettel noch rechtzeitig auf, der darum bittet, dies nicht zu tun. Da hatte ich die Hand schon ausgestreckt. Wann kann man schliesslich schon mal eine Glocke läuten? Sicherheitshalber ist die Bitte in vielen Sprachen aufgeschrieben. Ich bin wohl nicht die einzige, die dieser Strick gelockt hat.

Ein Brunnen mit einem hölzernen Trog und fliessend Wasser, Dekorationen, in einem Haus sind sogar die Bewohner zu Hause. Es gibt so viel zu entdecken. Hortensien und Rosmarin-Büsche sind liebevoll zusammengebunden und haben ein provisorisches Dach erhalten. Sonst gibt es wohl mehr Schnee. Alte Balken zeugen von Renovationen. Es sind die vielen kleinen Details, die hier unsere Aufmerksamkeit fesseln.

Ein langstengliger Hauswurz mit roten Schmuckblättern und einer gelben Mitte wächst in einem Holztrog vor markanten Steinen in Sonlerto.
So schön wie ein Blumenstrauss.

Am meisten fällt auf, wie die Felsbrocken in Sonlerto immer wieder selbstverständlich in die Architektur eingebunden wurden.

Von einem kleinen Schrein blickt man auf Häuser und immer wieder Felsbrocken, die integriert wurden. Im Hintergrund ragen die Berge von der Sonne angestrahlt in den Himmel. Sonlerto - Bavonatal
Man muss schon genau hinsehen, um die Felsbrocken im Ensemble zu erkennen.
Trockenmauern stützen den Hang. Ein grosser Felsbrocken wird integriert. So bildet er einerseits einen kleinen Stall (Splüi). Andererseits trägt er die Stützmauern für das Gebäude oberhalb. Sonlerto Bavonatal
Solche Konstruktionen brauchen Vertrauen, sind aber offensichtlich resistent gegenüber Wetterunbilden.
Ein riesiger Felsen bietet Stabilität für die Stützmauern eines Hauses in Sonlerto, das sich scheinbar gegen den Felsen lehnt. Ein anderes Haus nutzt ihn als Windschatten.
Für das eine Haus Stütze und für das andere Haus Abschirmung.
Ein Felsen, der scheinbar jeden Moment umfällt und das Haus in seinem Windschatten zermalmen würde, fesselt das Auge des Besuchers von Sonlerto. Beim genauen Hinsehen, erkennt man, dass auch er untermauert ist. Dank Stützmauern bekommt das obere Haus einen geraden Vorgarten.
Die Optik täuscht, dennoch wirkt der Felsen bedrohlich

Da die Sonne droht, sich endgültig aus dem Bavonatal zu verabschieden, beeilen wir uns etwas. Schliesslich wollen wir gern bis zum Ende des Talkessels fahren. Obwohl es schwerfällt, denn auf der anderen Flussseite lockt das Mate y Moka in Sonlerto und regt allein beim Gedanken an einen Kaffee die Magensäfte an. Zumal Leute draussen sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das kleine Café auch offen hat.

San Carlo – am Ende des Bavonatals

Zum Ende hin weitet sich das Bavonatal deutlich. Anders als die dichter gebauten Orte wie Foroglio oder Sonlerto liegen die Häuser in San Carlo weit verstreut im Talkessel. Alte und modernere Häuser wechseln sich ab.

Am Ende des Bavonatals, in San Carlo, gibt es sogar eine Post. Die Post ist ein kleines, altes Steinhäuschen. Im Hintergrund sieht man die Berge. Ein 60er Jahre Haus passt so gar nicht in die Landschaft.
Einige der Gebäude sind wohl zeitgleich mit dem Bau der Seilbahn entstanden. So richtig passen sie nicht in die Landschaft.
Ein Steinhaus mit schönen Holz-Balkonen und die Kirche mit einem auffälligen Ziffernblatt am Kirchturm sind vor einer schönen Bergkulisse in San Carlo am Ende des Bavonatals zu sehen.
San Carlo hat viele Gesichter

Hier am Ende von San Carlo startet die Seilbahn zum Robiei unter dem Basadino-Gletscher. Deshalb muss es in San Carlo Strom geben. Mit der 4 km langen Strecke gehört die Seilbahn zu den beeindruckendsten Seilbahnen. Die Saison ist auf 1.890 m kurz, startet sie doch erst im Juni und endet schon wieder im Oktober. Während der Saison ist auch das Hotel Robiei geöffnet. Weitere Informationen findest du hier: zum Fahrplan, zu den Wanderwegen und zum Hotel. Alles kann sich ändern, deshalb informiere dich bitte vor Anreise über die aktuellen Konditionen.

Dieses Haus am Ende des Bavonatals in San Carlo hat aussen eine 60er Jahre Leitung Strom, die durch ein Fenster geführt wird.
Dieses Haus hat eine Stromleitung, auch wenn sie nicht sehr vertrauenserweckend wirkt.

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